StromyDE
ich
Dieses Photo sagt am meisten über mich und über meine Vergangenheit aus. Man ist stets das Produkt seiner eigenen Vergangenheit ... und das auf diesem Bild bin ich.
Das Photo entstand in Aarhus, der zweitgrößten Stadt in Dänemark, und die 5 Meter hohe Kolossalplastik im dortigen Kunstmuseum trägt den Namen „Boy“. Als ich ein kleiner Junge war, ein „Boy“, da hat sich mein Leben von einer Sekunde auf die andere verändert ... und das in der Nähe von Aarhus, wo dieses Photo entstand. Es war im Sommer vor Einschulung in die Grundschule, ich war 6 Jahre alt und wir waren im Urlaub in Dänemark. Auf der Rückfahrt wollten wir noch kurz meinen Onkel besuchen, um dort zu frühstücken, und dann sollte es weiter in Richtung Heimat gehen.
Wären wir damals nur eine Minute früher oder später losgefahren, dann wäre sicher alles anders geworden. Aber wir waren genau zur Falschen Zeit am Falschen Ort, mit dem Auto, es gab einen Unfall ... und mein Papa hat seine Heimat nie wieder gesehen. Wir waren mit vier Personen im Wagen, ich saß hinter meinem Vater, welcher gefahren ist, und außer meiner Mutter war auch seine Mutter mit im Urlaub, meine Oma. Und die musste mit ansehen, wie ihr Sohn gestorben ist, das muss so schrecklich gewesen sein für sie. Ich habe den Frontalzusammenstoß nur knapp überlebt: ich wurde aus dem Wagen geschleudert, dieser überschlug sich und landete dann auf mir. Aber an nichts davon kann ich mich erinnern, das ist alles weg, wahrscheinlich eine Art Selbstschutz.
Das war am 14. Juli 1973, auf einer Landstraße, wenige Kilometer von Aarhus entfernt. Ich kam dann ins Krankenhaus, wo ich viele Wochen lang war, die ersten davon im Künstlichen Koma. Ich habe unzählige Narben von damals, die sichtbarste ist jene vom Luftröhrenschnitt an meinem Hals. Die zahlreichen Knochenbrüche sind alle verheilt, aber eine seelische Narbe ist natürlich geblieben, und eine solche kann wohl nie ganz heilen. Ich hatte auch einen Oberschenkelhalsbruch und musste danach noch sehr lange das linke Bein in Gips tragen, anschließend musste ich quasi wieder das Laufen lernen. Zum Glück gibt es da aber keine Spätfolgen, ich bin zwar kein sportlicher Typ, aber ich habe mehrfach den Hermannslauf mitgemacht, einen Volkslauf über 30 Kilometer vom Hermannsdenkmal durch den Teutoburger Wald zur Sparrenburg in meiner Geburtsstadt Bielefeld.
Mein Onkel, der Bruder meines Vaters, hat nie einen Führerschein gemacht, das musste er seiner Mutter versprechen, die Angst hatte, noch einen Sohn zu verlieren. Und ich selber hatte keinen Drang, Auto zu fahren, als ich 18 wurde, denn ein Auto hatte ja meinen Papa getötet. Erst mit über 30 habe ich mich dann zur Fahrschule angemeldet ... erstens, weil meine damalige Freundin aus beruflichen Gründen einen Führerschein machen wollte – und zweitens, weil ein guter Freund von mir gedrängelt und gequengelt hat: er war auch Spätzünder in Sachen Führerschein und hatte keine Lust, alleine mit „Kindern“ in der Fahrschule zu sitzen. Also haben wir zu dritt in der Fahrschule gesessen.
Mich hat es dann voll erwischt, ich war Feuer und Flamme: Autofahren fand ich absolut cool und habe mich schon geärgert, dass ich das all die Jahre davor quasi versäumt hatte! So war ich dann auch der Erste, von uns Dreien, der seinen Führerschein hatte. Am 22. Dezember 2005, morgens, als Erster ... und da waren die Straßen noch nicht überall gestreut, an einigen Stellen war es noch glatt. Sofort im Januar habe ich mir dann mein erstes Auto gekauft ... und da ich mich vorher ja noch nie wirklich mit dem Thema Auto beschäftigt hatte war die Wahl dann reiner Zufall – dachte ich zumindest, damals.
Mit dem Clio I habe ich dann all das Versäumte nachgeholt, also dieses Erkunden der Welt, was andere Menschen wohl mit 18 erleben, kam bei mir dann erst mit über 30. Da habe ich die Welt erfahren, im wahrsten Sinne des Wortes.
Im Sommer war ich dann zusammen mit meiner damaligen Freundin in Dänemark: mein Onkel hat seinen 80. Geburtstag gefeiert und zu diesem Anlass waren wir in Dann dort, auf einem Campingplatz in der Nähe von Aarhus. Und ich bin hunderte an Kilometern gefahren, in diesem Urlaub, ich kannte Dänemark zwar schon, weil ich als Kind oft bei meinem Onkel war in den Sommerferien, aber es war das erste Mal mit einem eigenen Auto. So war ich dann während der vielen Rundfahrten auch in einer kleinen Stadt, nördlich von Aarhus. Ich wusste nicht, wo ... ab er eigentlich wusste ich es schon.
Es war wunderschön dort, eine seichte Bucht mit langem Strand, die Sonne spiegelte sich im seichten Wasser. Ein leichter Wind wehte durch die Gräser, man hörte Möwen und das Klackern der Segelschiffe im Hafen. Aus dem Ort hörte man leise Musik, von einem Karussell, man hörte lachende Kinder, es war einfach schön, es war Romantik pur. Aber ich stand dort und hatte ein Gefühl, welches ich mir nicht erklären konnte: es war das Schlimmste, was ich jemals gesehen hatte, gefühlt hatte! Und ich dachte mir: „Wenn ich einen Horror-Film drehen würde, wenn ich etwas Böses darstellen würde, in diesem Film – genau das hier wäre der Drehort, genau das würde zu so einem Film passen“.
Aber ich konnte es mir nicht erklären, ich hatte einfach dieses Gefühl. Und ich habe es versucht, zu analysieren, ganz nüchtern. Ich war neugierig, aber ich konnte keine Antwort finden. Also sind wir dann weiter gefahren, haben uns noch andere Orte angeschaut, und am Abend waren wir dann noch bei meinem Onkel. Ich habe ihm erzählt, wo wir überall waren. „Auch in einem kleinen Ort nördlich von Ebeltoft waren wir“, habe ich meinem Onkel damals erzählt ... und seine Antwort hat mich dann wie ein Schock getroffen, eine Erklärung, für das Gefühl, welches ich genau dort hatte, an jenem Ort: „Das war Bönnerup Strand“, sagte er, „dort wart Ihr damals im Urlaub, bevor der Unfall passierte.“
Es war mir nicht bewusst, aber wahrscheinlich hatte ich es unterbewusst gespürt: ich war genau an jenem Ort, an welchem ich den letzten glücklichen Tag verbracht hatte, damals, als Kind, vor dem Unfall. Und während es dort für jeden anderen Menschen sicher einfach nur schön gewesen wäre hatte ich diesen Eindruck, dieses Gefühl. Von Angst, von Panik, von Traurigkeit, von Einsamkeit, von Verzweiflung. Das wurde mir in dem Moment dann schlagartig bewusst, als ich erfuhr, welcher Ort es war, als ich erkannte, welchen Grund dieses Gefühl hatte.
Mir wurde sehr vieles bewusst, damals. Auch, dass ich mich dem Ganzen noch nie gestellt hatte, dass ich es verdrängt hatte, bisher. Dass ich gerade zum ersten Mal mit dem eigenen Auto in Dänemark war ... dort, wo mein Papa bei einem Autounfall gestorben ist. Und dass ich einen Clio fahre, einen Renault, in blau ... und dass der Wagen, mit welchem wir damals den Unfall hatten, auch ein Renault war, ein blauer. Mir wurde bewusst, dass ich mir unbewusst genau das Auto gekauft hatte, welches wie kein anderes zu mir passt, zu meiner Biographie, zu meiner Vergangenheit: einen Clio, also quasi einen „Renault 6“, in derselben Farbe, wie der Renault 4, jenem Auto, mit welchem wir damals im Urlaub waren und den Unfall hatten.
Ich musste mich all dem Stellen, das war mir plötzlich sehr bewusst. Und zufälligerweise war das kurz vor dem Datum, an welchem der Unfall passierte. Und eigentlich glaube ich nicht, dass es Zufall war, es war eher Schicksal. Ich war kurz vor meinem persönlichen Schicksalstag zum ersten Mal mit meinem eigenen Auto in Dänemark. Ganz in der Nähe jener Stelle, wo damals der Unfall passierte. Und mir war plötzlich klar, dass ich dorthin musste, am Jahrestag. Alleine, denn da wollte ich niemanden dabei habe, ich wollte mich dem alleine stellen. Meine damalige Freundin habe ich bei meinem Onkel gelassen und dieser hat mich mit den Worten „Ich hoffe, dass Du findest, wonach Du suchst“ verabschiedet.
Und das war mir nicht klar, was ich suche, ich wusste nur, dass ich dorthin muss, am Jahrestag. Mir war nicht bewusst, was dort passieren würde, ich wusste nur, dass ich dorthin muss, endlich, denn ich war noch niemals dort, in all den Jahren. Also bin ich hingefahren, auf die Landstraße zwischen Greena und Aarhus, ganz alleine, in meinem blauen Renault. Es war eine Linkskurve, auf einem Hügel, uns kam damals ein anderes Auto entgegen, welches in dieser Kurve weiter geradeaus fuhr, direkt auf uns zu ... und jetzt, wo ich selber Autofahrer geworden war, konnte ich es einschätzen, konnte ich sehen, wie ausweglos es war: es gab dort keine Möglichkeit, um dem entgegenkommenden Fahrzeug auszuweichen, es gab keine Chance, diesen Unfall zu verhindern.
Dort stand ich dann, ganz alleine ... und wusste nicht, was ich tun soll, was ich machen soll, ich hatte keinen Plan. Damals stand dort eine Bank, direkt in der Kurve, direkt an der Unfallstelle. Und ich weiß nicht mehr, ob ich mich dort hingesetzt habe, oder ob ich einfach gestanden habe, geschaut habe. Ich war ganz alleine, völlig einsam, ich war das kleine Kind, dessen leben sich dort damals geändert hat, ich fühlte mich völlig hilflos, völlig einsam ... und es war niemand dort, keiner, der mich in den Arm nehmen würde, keiner, der mich erkennen würde, der sehen würde, dass ich dort bin, dass ich es bin, wer ich bin, was ich dort mache.
Wie lange ich dort war weiß ich nicht mehr. Irgendwann bin ich dann gefahren, weiter, in Richtung Aarhus, auf dem Grenavej. Links neben der Straße war eine Kirche, eine dieser typischen, Dänischen Kirchen, in Weiß. Ich bin kein sehr religiöser Mensch, aber ich wollte dorthin, ich dachte, dass ich dorthin muss, ich habe dort angehalten. Ich wollte in die Kirchen gehen, wahrscheinlich, weil ich irgendetwas tun wollte, vielleicht, weil ich hoffte, dort etwas zu finden. Aber genau in dem Moment, als ich hinein wollte, kam jemand heraus, er schloss die Kirchentür ab und ging.
Auf dem Rückweg aus dem Urlaub bin ich dann irgendwie jene Strecke gefahren, welche mein Papa nicht mehr fahren konnte. Irgendwie habe ich ihn 2006 mitgenommen, nachdem er 1973 dort geblieben war. Irgendwie musste ich das tun, ich musste mich dem stellen, endlich. Und inzwischen war ich schon öfter dort, an der Unfallstelle. Immer, wenn ich in Dänemark bin, fahre ich auch dorthin. Es tut weh, jedes Mal, aber es tut immer weniger weh, ich kann immer besser damit umgehen.
Meine Mutter war danach nie dort, an der Unfallstelle. Und ich kann verstehen, warum: es ist verdammt schwer, sich dem zu stellen, dorthin zu fahren, das ist nicht einfach. Ich glaube, dass sie alles verdrängt, dass alles für sie abgeschlossen ist. „Sie hat jetzt eine neue Familie“, hat mein Onkel einmal gesagt ... und es mit diesen wenigen Worten wohl am besten ausgedrückt: meine Mutter hat einen neunen Mann, zusammen haben sie eine gemeinsame Tochter, meine Halbschwester, und ich bin kein wirklicher Teil dieser Familie.
Dänemark ist ein sehr soziales Land, der gesellschaftliche Zusammenhalt ist dort sehr groß. Zusammen mit anderen Senioren hat mein Onkel ein Ferienhaus gekauft, südlich von Aarhus. Dies steht nun anderen Senioren zur Verfügung, welche weniger Geld haben, und die Besitzer und deren Angehörige können dieses Ferienhaus auch benutzen. Von dort hat man einen schönen Blick über die Aarhus Bucht ... und am Horizont erkennt man das Kraftwerk in Studstrup – und man erkennt auch jenen Hügel, wo sich der Unfall ereignet hat: man blickt direkt auf die Unfallstelle, aus dem Ferienhaus! Meine Mutter war auch schon dort, in diesem Ferienhaus, mehrfach. Aber ich glaube, dass es ihr überhaupt nicht bewusst ist, dass sie überhaupt nicht weiß oder wissen will, dass man von dort aus direkt die Unfallstelle sieht, am Horizont. Sie hat jetzt eine neun Familie; zu welcher ich nicht mehr gehöre.
Ein Teil von mir ist immer noch der kleine Junge, der alleine zurückgeblieben ist, in Aarhus. Und es verfolgt mich, durch mein ganzes Leben, immer wieder. Unbewusst entscheide ich vieles so, dass es genau zu mir passt, zu meiner Biographie. Und das Schicksal spielt immer wieder mit, so auch bei meinem zweiten Auto, bei meinem jetzigen.
Oft hört man ja, dass viele Menschen ihrem ersten Auto nachweinen. Dass sie bereuen, es nicht behalten zu haben, weil das erste eigene Auto ja etwas ganz Besonderes ist. Ich selber hatte mein erstes Auto nun mit über 30, statt mit 20. Und ich hatte die Chance, es lange zu behalten – denn auch für mich war es ja etwas sehr Besonderes, völlig unabhängig vom Alter habe ja auch ich an meinem ersten Auto gehangen, es geliebt. So habe ich es sehr oft durch den TÜV gebracht, obwohl es sich eigentlich nicht mehr gelohnt hätte, auch habe ich die damalige Abwrackprämie nicht genutzt, um mir ein neues Auto zu kaufen.
Das Geld dafür hätte ich damals gehabt, ich hätte die Abwrackprämie nutzen und mir einen Neuwagen kaufen können. Stattdessen habe ich mein Auto aber nochmals durch den TÜV gebracht, habe ihn weiter gefahren. Doch dann ging es nicht mehr, ein weiteres Mal hätte mein Clio I nur mit sehr großen Investitionen wieder eine Plakette bekommen, also war die Zeit gekommen, mich von meinem ersten Auto zu verabschieden. Aber mir war völlig klar, dass ich mir wieder einen Renault holen würde, zum Einen, weil ich sehr zufrieden war, mit meinem Auto, und zum Anderen natürlich, weil es die Automarke ist, welche am besten zu mir passt, zu meiner Vergangenheit.
Beim Suchen nach einem Auto bin ich dann auf einen Clio II gestoßen, auch wieder in Blau. Und der Zufall ... nein, es war kein Zufall: es war eher Schicksal! ... das Schicksal wollte es, dass dieses Auto in genau jenem Ort angeboten wurde, wo wir damals gewohnt hatten, vor dem Unfall. In Bünde, einer Stadt nahe von Bielefeld, und dort genau in jenem Stadtteil, wo ich als kleines Kind gewohnt habe, vor dem Unfall, in Bustedt. Ein guter Bekannter hatte sich den Wagen für mich angesehen, er ist Schrauber, at wirklich Ahnung. Und als er dann sagte, dass ich mir dieses privat angebotene Auto mit Gutem Gewissen kaufen kann bin ich hingefahren, habe mir mein jetziges Auto gekauft.
Aber nicht ohne Probefahrt: mir war eigentlich klar, dass ich ihn kaufe, aber dennoch macht man ja vorher eine Probefahrt. Meine Freundin hatte mich damals nach Bünde gefahren, um dort den Wagen abzuholen, und sie saß neben mir, bei der Probefahrt. Wahrscheinlich dachte sie, dass ich einfach nur so durch die Gegend fahre, wie man es eben so macht, bei einer Probefahrt. Aber ich wusste sehr genau, wo ich bin, wo ich entlang fahre: ich bin an jenem Haus vorbei gefahren, in welchem wir damals gewohnt hatten, vor dem Unfall, ich bin am Kindergarten vorbeigefahren, in welchem ich damals war, und an jener Schule, in welcher ich eingeschult worden wäre, wenn es den Unfall nicht gegeben hätte.
Es war also nicht nur eine Probefahrt, sondern zugleich auch eine Fahrt durch meine Vergangenheit. Irgendwann habe ich dann angehalten und meine Begleitung fragte mich, ob ich denn überhaupt wüsste, wo ich bin? Ich habe sie angesehen und ihr durch einen Tränenschleier gesagt, dass ich sehr genau weiß, wo ich gerade bin: wir waren an jenem Friedhof, wo mein Papa begraben ist. Ich lag damals noch im Krankenhaus in Dänemark, in Aaarhus, als er beerdigt wurde, in Bünde. Aber bevor ich mir ein neues Auto kaufe wollte ich dorthin.
Genaugenommen war es keine Probefahrt, denn es stand ja schon fest, dass ich den Wagen kaufe. Es war ein Besuch bei meinem Papa, um ihm zu zeigen, dass ich jetzt auch einen blauen Renault fahre, inzwischen den zweiten ... quasi dasselbe Auto, welches er damals gefahren ist, beim Unfall in der Nähe von Aarhus.
Das Photo zeigt mich, aber es zeigt auch den kleinen Jungen, in Dänemark. Es zeigt den großen Oliver neben „Boy“, dem kleinen Jungen. In Aarhus, wo ich im Krankenhaus gelegen habe, damals.
#zwerg
ich
Dieses Photo sagt am meisten über mich und über meine Vergangenheit aus. Man ist stets das Produkt seiner eigenen Vergangenheit ... und das auf diesem Bild bin ich.
Das Photo entstand in Aarhus, der zweitgrößten Stadt in Dänemark, und die 5 Meter hohe Kolossalplastik im dortigen Kunstmuseum trägt den Namen „Boy“. Als ich ein kleiner Junge war, ein „Boy“, da hat sich mein Leben von einer Sekunde auf die andere verändert ... und das in der Nähe von Aarhus, wo dieses Photo entstand. Es war im Sommer vor Einschulung in die Grundschule, ich war 6 Jahre alt und wir waren im Urlaub in Dänemark. Auf der Rückfahrt wollten wir noch kurz meinen Onkel besuchen, um dort zu frühstücken, und dann sollte es weiter in Richtung Heimat gehen.
Wären wir damals nur eine Minute früher oder später losgefahren, dann wäre sicher alles anders geworden. Aber wir waren genau zur Falschen Zeit am Falschen Ort, mit dem Auto, es gab einen Unfall ... und mein Papa hat seine Heimat nie wieder gesehen. Wir waren mit vier Personen im Wagen, ich saß hinter meinem Vater, welcher gefahren ist, und außer meiner Mutter war auch seine Mutter mit im Urlaub, meine Oma. Und die musste mit ansehen, wie ihr Sohn gestorben ist, das muss so schrecklich gewesen sein für sie. Ich habe den Frontalzusammenstoß nur knapp überlebt: ich wurde aus dem Wagen geschleudert, dieser überschlug sich und landete dann auf mir. Aber an nichts davon kann ich mich erinnern, das ist alles weg, wahrscheinlich eine Art Selbstschutz.
Das war am 14. Juli 1973, auf einer Landstraße, wenige Kilometer von Aarhus entfernt. Ich kam dann ins Krankenhaus, wo ich viele Wochen lang war, die ersten davon im Künstlichen Koma. Ich habe unzählige Narben von damals, die sichtbarste ist jene vom Luftröhrenschnitt an meinem Hals. Die zahlreichen Knochenbrüche sind alle verheilt, aber eine seelische Narbe ist natürlich geblieben, und eine solche kann wohl nie ganz heilen. Ich hatte auch einen Oberschenkelhalsbruch und musste danach noch sehr lange das linke Bein in Gips tragen, anschließend musste ich quasi wieder das Laufen lernen. Zum Glück gibt es da aber keine Spätfolgen, ich bin zwar kein sportlicher Typ, aber ich habe mehrfach den Hermannslauf mitgemacht, einen Volkslauf über 30 Kilometer vom Hermannsdenkmal durch den Teutoburger Wald zur Sparrenburg in meiner Geburtsstadt Bielefeld.
Mein Onkel, der Bruder meines Vaters, hat nie einen Führerschein gemacht, das musste er seiner Mutter versprechen, die Angst hatte, noch einen Sohn zu verlieren. Und ich selber hatte keinen Drang, Auto zu fahren, als ich 18 wurde, denn ein Auto hatte ja meinen Papa getötet. Erst mit über 30 habe ich mich dann zur Fahrschule angemeldet ... erstens, weil meine damalige Freundin aus beruflichen Gründen einen Führerschein machen wollte – und zweitens, weil ein guter Freund von mir gedrängelt und gequengelt hat: er war auch Spätzünder in Sachen Führerschein und hatte keine Lust, alleine mit „Kindern“ in der Fahrschule zu sitzen. Also haben wir zu dritt in der Fahrschule gesessen.
Mich hat es dann voll erwischt, ich war Feuer und Flamme: Autofahren fand ich absolut cool und habe mich schon geärgert, dass ich das all die Jahre davor quasi versäumt hatte! So war ich dann auch der Erste, von uns Dreien, der seinen Führerschein hatte. Am 22. Dezember 2005, morgens, als Erster ... und da waren die Straßen noch nicht überall gestreut, an einigen Stellen war es noch glatt. Sofort im Januar habe ich mir dann mein erstes Auto gekauft ... und da ich mich vorher ja noch nie wirklich mit dem Thema Auto beschäftigt hatte war die Wahl dann reiner Zufall – dachte ich zumindest, damals.
Mit dem Clio I habe ich dann all das Versäumte nachgeholt, also dieses Erkunden der Welt, was andere Menschen wohl mit 18 erleben, kam bei mir dann erst mit über 30. Da habe ich die Welt erfahren, im wahrsten Sinne des Wortes.
Im Sommer war ich dann zusammen mit meiner damaligen Freundin in Dänemark: mein Onkel hat seinen 80. Geburtstag gefeiert und zu diesem Anlass waren wir in Dann dort, auf einem Campingplatz in der Nähe von Aarhus. Und ich bin hunderte an Kilometern gefahren, in diesem Urlaub, ich kannte Dänemark zwar schon, weil ich als Kind oft bei meinem Onkel war in den Sommerferien, aber es war das erste Mal mit einem eigenen Auto. So war ich dann während der vielen Rundfahrten auch in einer kleinen Stadt, nördlich von Aarhus. Ich wusste nicht, wo ... ab er eigentlich wusste ich es schon.
Es war wunderschön dort, eine seichte Bucht mit langem Strand, die Sonne spiegelte sich im seichten Wasser. Ein leichter Wind wehte durch die Gräser, man hörte Möwen und das Klackern der Segelschiffe im Hafen. Aus dem Ort hörte man leise Musik, von einem Karussell, man hörte lachende Kinder, es war einfach schön, es war Romantik pur. Aber ich stand dort und hatte ein Gefühl, welches ich mir nicht erklären konnte: es war das Schlimmste, was ich jemals gesehen hatte, gefühlt hatte! Und ich dachte mir: „Wenn ich einen Horror-Film drehen würde, wenn ich etwas Böses darstellen würde, in diesem Film – genau das hier wäre der Drehort, genau das würde zu so einem Film passen“.
Aber ich konnte es mir nicht erklären, ich hatte einfach dieses Gefühl. Und ich habe es versucht, zu analysieren, ganz nüchtern. Ich war neugierig, aber ich konnte keine Antwort finden. Also sind wir dann weiter gefahren, haben uns noch andere Orte angeschaut, und am Abend waren wir dann noch bei meinem Onkel. Ich habe ihm erzählt, wo wir überall waren. „Auch in einem kleinen Ort nördlich von Ebeltoft waren wir“, habe ich meinem Onkel damals erzählt ... und seine Antwort hat mich dann wie ein Schock getroffen, eine Erklärung, für das Gefühl, welches ich genau dort hatte, an jenem Ort: „Das war Bönnerup Strand“, sagte er, „dort wart Ihr damals im Urlaub, bevor der Unfall passierte.“
Es war mir nicht bewusst, aber wahrscheinlich hatte ich es unterbewusst gespürt: ich war genau an jenem Ort, an welchem ich den letzten glücklichen Tag verbracht hatte, damals, als Kind, vor dem Unfall. Und während es dort für jeden anderen Menschen sicher einfach nur schön gewesen wäre hatte ich diesen Eindruck, dieses Gefühl. Von Angst, von Panik, von Traurigkeit, von Einsamkeit, von Verzweiflung. Das wurde mir in dem Moment dann schlagartig bewusst, als ich erfuhr, welcher Ort es war, als ich erkannte, welchen Grund dieses Gefühl hatte.
Mir wurde sehr vieles bewusst, damals. Auch, dass ich mich dem Ganzen noch nie gestellt hatte, dass ich es verdrängt hatte, bisher. Dass ich gerade zum ersten Mal mit dem eigenen Auto in Dänemark war ... dort, wo mein Papa bei einem Autounfall gestorben ist. Und dass ich einen Clio fahre, einen Renault, in blau ... und dass der Wagen, mit welchem wir damals den Unfall hatten, auch ein Renault war, ein blauer. Mir wurde bewusst, dass ich mir unbewusst genau das Auto gekauft hatte, welches wie kein anderes zu mir passt, zu meiner Biographie, zu meiner Vergangenheit: einen Clio, also quasi einen „Renault 6“, in derselben Farbe, wie der Renault 4, jenem Auto, mit welchem wir damals im Urlaub waren und den Unfall hatten.
Ich musste mich all dem Stellen, das war mir plötzlich sehr bewusst. Und zufälligerweise war das kurz vor dem Datum, an welchem der Unfall passierte. Und eigentlich glaube ich nicht, dass es Zufall war, es war eher Schicksal. Ich war kurz vor meinem persönlichen Schicksalstag zum ersten Mal mit meinem eigenen Auto in Dänemark. Ganz in der Nähe jener Stelle, wo damals der Unfall passierte. Und mir war plötzlich klar, dass ich dorthin musste, am Jahrestag. Alleine, denn da wollte ich niemanden dabei habe, ich wollte mich dem alleine stellen. Meine damalige Freundin habe ich bei meinem Onkel gelassen und dieser hat mich mit den Worten „Ich hoffe, dass Du findest, wonach Du suchst“ verabschiedet.
Und das war mir nicht klar, was ich suche, ich wusste nur, dass ich dorthin muss, am Jahrestag. Mir war nicht bewusst, was dort passieren würde, ich wusste nur, dass ich dorthin muss, endlich, denn ich war noch niemals dort, in all den Jahren. Also bin ich hingefahren, auf die Landstraße zwischen Greena und Aarhus, ganz alleine, in meinem blauen Renault. Es war eine Linkskurve, auf einem Hügel, uns kam damals ein anderes Auto entgegen, welches in dieser Kurve weiter geradeaus fuhr, direkt auf uns zu ... und jetzt, wo ich selber Autofahrer geworden war, konnte ich es einschätzen, konnte ich sehen, wie ausweglos es war: es gab dort keine Möglichkeit, um dem entgegenkommenden Fahrzeug auszuweichen, es gab keine Chance, diesen Unfall zu verhindern.
Dort stand ich dann, ganz alleine ... und wusste nicht, was ich tun soll, was ich machen soll, ich hatte keinen Plan. Damals stand dort eine Bank, direkt in der Kurve, direkt an der Unfallstelle. Und ich weiß nicht mehr, ob ich mich dort hingesetzt habe, oder ob ich einfach gestanden habe, geschaut habe. Ich war ganz alleine, völlig einsam, ich war das kleine Kind, dessen leben sich dort damals geändert hat, ich fühlte mich völlig hilflos, völlig einsam ... und es war niemand dort, keiner, der mich in den Arm nehmen würde, keiner, der mich erkennen würde, der sehen würde, dass ich dort bin, dass ich es bin, wer ich bin, was ich dort mache.
Wie lange ich dort war weiß ich nicht mehr. Irgendwann bin ich dann gefahren, weiter, in Richtung Aarhus, auf dem Grenavej. Links neben der Straße war eine Kirche, eine dieser typischen, Dänischen Kirchen, in Weiß. Ich bin kein sehr religiöser Mensch, aber ich wollte dorthin, ich dachte, dass ich dorthin muss, ich habe dort angehalten. Ich wollte in die Kirchen gehen, wahrscheinlich, weil ich irgendetwas tun wollte, vielleicht, weil ich hoffte, dort etwas zu finden. Aber genau in dem Moment, als ich hinein wollte, kam jemand heraus, er schloss die Kirchentür ab und ging.
Auf dem Rückweg aus dem Urlaub bin ich dann irgendwie jene Strecke gefahren, welche mein Papa nicht mehr fahren konnte. Irgendwie habe ich ihn 2006 mitgenommen, nachdem er 1973 dort geblieben war. Irgendwie musste ich das tun, ich musste mich dem stellen, endlich. Und inzwischen war ich schon öfter dort, an der Unfallstelle. Immer, wenn ich in Dänemark bin, fahre ich auch dorthin. Es tut weh, jedes Mal, aber es tut immer weniger weh, ich kann immer besser damit umgehen.
Meine Mutter war danach nie dort, an der Unfallstelle. Und ich kann verstehen, warum: es ist verdammt schwer, sich dem zu stellen, dorthin zu fahren, das ist nicht einfach. Ich glaube, dass sie alles verdrängt, dass alles für sie abgeschlossen ist. „Sie hat jetzt eine neue Familie“, hat mein Onkel einmal gesagt ... und es mit diesen wenigen Worten wohl am besten ausgedrückt: meine Mutter hat einen neunen Mann, zusammen haben sie eine gemeinsame Tochter, meine Halbschwester, und ich bin kein wirklicher Teil dieser Familie.
Dänemark ist ein sehr soziales Land, der gesellschaftliche Zusammenhalt ist dort sehr groß. Zusammen mit anderen Senioren hat mein Onkel ein Ferienhaus gekauft, südlich von Aarhus. Dies steht nun anderen Senioren zur Verfügung, welche weniger Geld haben, und die Besitzer und deren Angehörige können dieses Ferienhaus auch benutzen. Von dort hat man einen schönen Blick über die Aarhus Bucht ... und am Horizont erkennt man das Kraftwerk in Studstrup – und man erkennt auch jenen Hügel, wo sich der Unfall ereignet hat: man blickt direkt auf die Unfallstelle, aus dem Ferienhaus! Meine Mutter war auch schon dort, in diesem Ferienhaus, mehrfach. Aber ich glaube, dass es ihr überhaupt nicht bewusst ist, dass sie überhaupt nicht weiß oder wissen will, dass man von dort aus direkt die Unfallstelle sieht, am Horizont. Sie hat jetzt eine neun Familie; zu welcher ich nicht mehr gehöre.
Ein Teil von mir ist immer noch der kleine Junge, der alleine zurückgeblieben ist, in Aarhus. Und es verfolgt mich, durch mein ganzes Leben, immer wieder. Unbewusst entscheide ich vieles so, dass es genau zu mir passt, zu meiner Biographie. Und das Schicksal spielt immer wieder mit, so auch bei meinem zweiten Auto, bei meinem jetzigen.
Oft hört man ja, dass viele Menschen ihrem ersten Auto nachweinen. Dass sie bereuen, es nicht behalten zu haben, weil das erste eigene Auto ja etwas ganz Besonderes ist. Ich selber hatte mein erstes Auto nun mit über 30, statt mit 20. Und ich hatte die Chance, es lange zu behalten – denn auch für mich war es ja etwas sehr Besonderes, völlig unabhängig vom Alter habe ja auch ich an meinem ersten Auto gehangen, es geliebt. So habe ich es sehr oft durch den TÜV gebracht, obwohl es sich eigentlich nicht mehr gelohnt hätte, auch habe ich die damalige Abwrackprämie nicht genutzt, um mir ein neues Auto zu kaufen.
Das Geld dafür hätte ich damals gehabt, ich hätte die Abwrackprämie nutzen und mir einen Neuwagen kaufen können. Stattdessen habe ich mein Auto aber nochmals durch den TÜV gebracht, habe ihn weiter gefahren. Doch dann ging es nicht mehr, ein weiteres Mal hätte mein Clio I nur mit sehr großen Investitionen wieder eine Plakette bekommen, also war die Zeit gekommen, mich von meinem ersten Auto zu verabschieden. Aber mir war völlig klar, dass ich mir wieder einen Renault holen würde, zum Einen, weil ich sehr zufrieden war, mit meinem Auto, und zum Anderen natürlich, weil es die Automarke ist, welche am besten zu mir passt, zu meiner Vergangenheit.
Beim Suchen nach einem Auto bin ich dann auf einen Clio II gestoßen, auch wieder in Blau. Und der Zufall ... nein, es war kein Zufall: es war eher Schicksal! ... das Schicksal wollte es, dass dieses Auto in genau jenem Ort angeboten wurde, wo wir damals gewohnt hatten, vor dem Unfall. In Bünde, einer Stadt nahe von Bielefeld, und dort genau in jenem Stadtteil, wo ich als kleines Kind gewohnt habe, vor dem Unfall, in Bustedt. Ein guter Bekannter hatte sich den Wagen für mich angesehen, er ist Schrauber, at wirklich Ahnung. Und als er dann sagte, dass ich mir dieses privat angebotene Auto mit Gutem Gewissen kaufen kann bin ich hingefahren, habe mir mein jetziges Auto gekauft.
Aber nicht ohne Probefahrt: mir war eigentlich klar, dass ich ihn kaufe, aber dennoch macht man ja vorher eine Probefahrt. Meine Freundin hatte mich damals nach Bünde gefahren, um dort den Wagen abzuholen, und sie saß neben mir, bei der Probefahrt. Wahrscheinlich dachte sie, dass ich einfach nur so durch die Gegend fahre, wie man es eben so macht, bei einer Probefahrt. Aber ich wusste sehr genau, wo ich bin, wo ich entlang fahre: ich bin an jenem Haus vorbei gefahren, in welchem wir damals gewohnt hatten, vor dem Unfall, ich bin am Kindergarten vorbeigefahren, in welchem ich damals war, und an jener Schule, in welcher ich eingeschult worden wäre, wenn es den Unfall nicht gegeben hätte.
Es war also nicht nur eine Probefahrt, sondern zugleich auch eine Fahrt durch meine Vergangenheit. Irgendwann habe ich dann angehalten und meine Begleitung fragte mich, ob ich denn überhaupt wüsste, wo ich bin? Ich habe sie angesehen und ihr durch einen Tränenschleier gesagt, dass ich sehr genau weiß, wo ich gerade bin: wir waren an jenem Friedhof, wo mein Papa begraben ist. Ich lag damals noch im Krankenhaus in Dänemark, in Aaarhus, als er beerdigt wurde, in Bünde. Aber bevor ich mir ein neues Auto kaufe wollte ich dorthin.
Genaugenommen war es keine Probefahrt, denn es stand ja schon fest, dass ich den Wagen kaufe. Es war ein Besuch bei meinem Papa, um ihm zu zeigen, dass ich jetzt auch einen blauen Renault fahre, inzwischen den zweiten ... quasi dasselbe Auto, welches er damals gefahren ist, beim Unfall in der Nähe von Aarhus.
Das Photo zeigt mich, aber es zeigt auch den kleinen Jungen, in Dänemark. Es zeigt den großen Oliver neben „Boy“, dem kleinen Jungen. In Aarhus, wo ich im Krankenhaus gelegen habe, damals.
#zwerg