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Lass dich nicht den Frühling täuschen

Lass dich nicht den Frühling täuschen

 

- Am Morgen des Himmelfahrtstags -

 

1.) Lass dich nicht den Frühling täuschen,

Herz, der dich mit Lust umringt,

Wo mit wonnigen Geräuschen

Wald und Flur von Leben klingt.

Wo sich auf den Ästen wiegen

Kehlen, voll von ew'gem Klang,

Wo, als gäb' es kein Versiegen,

Flüsse brausen ihren Gang.

 

2.) Von den Bäumen, aus den Bächen,

Aus dem hellen Morgenrot

Scheint ein tröstlich Wort zu sprechen. -

Lauschest du, so ist's der Tod.

Diese Welt, sie muss vergehen,

Früher noch der Lüste Raub,

Wirst als Asche du verwehen,

Herz, wie flücht'ger Blumenstaub.

 

3.) Willst du bis zum Schöpfer dringen,

Wende vom Erschaffnen dich,

Willst du dich ins Leben schwingen,

Einer zeigt als Führer sich,

Der an solchem Frühlingsmorgen

Hinter sich ließ die Natur,

Und, dem irdschen Blick verborgen,

In der Himmel Himmel fuhr.

 

4.) Was die Jünger dort empfanden,

Als ihr Auge flog empor,

Fühl es, Herz, und aus den Banden

Flüchte durch des Glaubens Tor!

Mit den Ewigkeits-Gedanken

Bist du doch von Erde nur,

Führt nicht Er dich aus den Schranken

Über alle Kreatur.

 

5.) Was auf Erden ihn umgeben,

War ihm Bild und Ahnung bloß,

Und er atmete sein Leben

Stets nur in des Vaters Schoß.

Sieh auch du im Glanz der Erde

Nur vom Himmel einen Traum.

Gleichnis dir des Höchsten werde -

Herde, Haus und Blum und Baum.

 

6.) Wenn auf's Leben du verzichtest,

Dann beginnt dein Lebenslauf.

Wenn du dich als Staub vernichtest,

Stehst du erst als Wesen auf.

Deines innern Lebens Schwingen

Wachsen aus dem Erdentod.

Eh' er konnt' ins Leben dringen,

Hat auch ihm das Grab gedroht.

 

7.) Blick hinauf zum Himmelsbogen!

Siehest du den Wiederschein

Von der Bahn, die Er gezogen?

Lädt dich nicht ein Schimmer ein?

Will das Himmelslicht ermatten?

Ringe Zweifel um den Sieg? -

Es ist nur der Wolke Schatten,

Hinter der Er aufwärts stieg!

 

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Autor: Gustav Schwab

Melodie: O du Liebe meiner Liebe

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Evangelischer Liederschatz für

Kirche, Schule und Haus,

- Band 1 -

Zweite, umgearbeitete Ausgabe

Gesammelt und bearbeitet von Albert Knapp,

J. G. Cotta'scher Verlag,

Stuttgart und Tübingen, 1850

Liednummer 2144

Thema: Himmelfahrt

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Gustav (Benjamin) Schwab (* 19. Juni 1792 in Stuttgart; † 4. November 1850 ebenda) war ein deutscher evangelischer Pfarrer, Gymnasialprofessor und Schriftsteller, der zur Schwäbischen Dichterschule gerechnet wird. Mit seinen Sagen des klassischen Altertums (1838–1840) hat er einen Klassiker der deutschsprachigen Kinder- und Jugendliteratur geschaffen.

Gustav Schwab wurde als Sohn des Geheimen Hofrats Johann Christoph Schwab geboren. Schwab wuchs in der evangelisch-humanistischen Atmosphäre des schwäbischen Bildungsbürgertums auf. Er besuchte das Stuttgarter Gymnasium und studierte ab 1809 als Stipendiat des Evangelischen Stifts in Tübingen an der dortigen Eberhard-Karls-Universität zunächst zwei Jahre Philologie und Philosophie, später dann Theologie.

Im Dezember 1817 erhielt er eine Professur für alte Sprachen am oberen Gymnasium (dem heutigen Eberhard-Ludwigs-Gymnasium) in Stuttgart. Einige Monate später heiratete er Sophie Gmelin, die Tochter eines Juraprofessors. Ab 1825 wirkte er zwanzig Jahre lang an den bei F. A. Brockhaus Leipzig erscheinenden Blättern für literarische Unterhaltung mit und trat Anfang 1828 in die Redaktion des traditionsreichen Verlages von Johann Friedrich Cotta ein, der das Morgenblatt für gebildete Stände verlegte. Mit dieser literarischen Schlüsselposition wurde er zu einem Mäzen für jüngere Autoren und förderte u.a. Eduard Mörike, Wilhelm Hauff, August von Platen, Nikolaus Lenau und Ferdinand Freiligrath. 1837 übernahm er das Pfarramt im Dorf Gomaringen am Fuß der Schwäbischen Alb und das Predigen wurde ihm, neben dem Lehren, eine seiner Lieblingstätigkeiten. Mit einem in Gomaringen abgefassten Werk ist Schwab für viele Generationen von Kindern und Jugendlichen zu dem Vermittler der griechisch-römischen Sagen- und Götterwelt geworden. 1841 erhielt er das Stadtpfarramt von St. Leonhard in Stuttgart, 1842 wurde er Dekan und 1845 Oberkonsistorialrat der höheren Schulen in Württemberg. 1847 wurde er mit dem Ehrendoktor der Theologie der Universität Tübingen ausgezeichnet. Er starb am 4. November 1850 in Stuttgart an fehlerhafter ärztlicher Behandlung. Sein Grab liegt auf dem Stuttgarter Hoppenlaufriedhof, wie auch das von Wilhelm Hauff.

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Uploaded on May 9, 2013
Taken on April 11, 2012