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Mein Lebensfürst, mein auserkornes Teil

Bild: Blume auf Madeira (nachbearbeitetes Photo)

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Mein Lebensfürst, mein auserkornes Teil

 

1.) Mein Lebensfürst, mein auserkornes Teil,

Wie kann ich g'nug in Ewigkeit erkennen

Die Liebesglut, darin du wollest brennen

Und öffnen mir den Weg zum wahren Heil?

O, dass mein Herz so schmelzen möcht, wie du,

Und dir in voller Dankbarkeit zufließen,

Dir dann die Früchte wieder bringen zu,

Die mir aus deiner Todesangst entsprießen!

 

2.) Du hobst dein Leiden an in dunkler Nacht,

Um mir die Nacht der Sünden zu zerteilen.

Ich sehe dich aus Salems Pforten eilen

Und mir des Himmels Pforten aufgemacht.

Du schwebst dahin durch Kidrons (a) schwarzes Tal,

Um aus dem Schlamm der Sünden mich zu heben.

Am Ölberg wartet auf dich Angst und Qual,

Um deines Friedens Ölzweig mir zu geben.

 

3.) Im Garten ward die Todesfrucht gepflückt,

Im Garten war das höchste Gut verloren.

Und du hast einen Garten dir erkoren,

Wo du der Strafe Gottes mich entrückt.

Hier wurdest du in Traurigkeit versenkt.

Mit Furcht und Schrecken um und um befangen,

Dass ich von allem, was mich nagt und kränkt,

In deiner Angst Befreiung möcht erlangen.

 

4.) Der Lebenssaft zerbrach der Adern Band

Und drang mit Macht durch alle deine Glieder,

Du sankest in den Staub der Erde nieder,

Wardst als ein Wurm bedeckt mit Blut und Sand.

Sonst müsst ich vor der Hölle Qual und Macht

In Todesangst und rettungslos erheben,

Ich läge in des Abgrunds tiefster Nacht,

Dem ewigen Gerichte übergeben.

 

5.) Der Übeltäter Schar dringt auf dich ein

In großem Grimm, mit Fackeln, Schwert und Stangen.

Ein einzeln unbewehrtes Lamm zu fangen.

Ach, ohne dich würd' ich gefangen sein.

Es würde ja der Hölle finstre Nacht

Als ein verlornes Schäflein mich verschlingen,

Hättst du dich nicht dem Wolf gestellet dar,

Als Hirte, seinen Raub ihm abzuzwingen.

 

6.) Du ließest deinen anmutsvollen Mund

Mit einem schnöden Judas-Kuss beflecken,

Um meines Herzens Falschheit zu bedecken

Und deine Felsentreu zu machen kund.

Die Jünger flohen, denn du wollt'st allein,

Ohn' allen Trost, des Zornes Kelter treten

Für die, die sonst in steter Höllenpein

Von dir verbannt zu sein verdienet hätten.

 

7.) Man stellte dich vor's scharfe Blutgericht,

Die falschen Zeugen brachten ihre Klagen

Und du hast nicht ein Wort drauf wollen sagen.

Weil ich auf tausend konnt' antworten nicht.

Ich hatte deines Namens Heiligkeit

Mit Mund und Tat verlästernd Hohn gesprochen,

Drum wurde dir in Ungerechtigkeit

Als einem Lästerer der Stab gebrochen.

 

8.) Die Backenstreiche, die die böse Rott'

Mit Speichel mischte, die hatt' ich verschuldet.

Du hast die allerherbste Schmach erduldet.

Sonst wär ich worden aller Teufel Spott.

Vornehmlich hat man deines Lehramts Ehr',

O mein Prophet, recht freventlich verhöhnet,

Dass die Verachtung deiner Gnadenlehr',

Die ich begangen, möchte sein versöhnet.

 

9.) Hat Petrus dreimal dich aus Furchtsamkeit

Verleugnet und damit dein Herz durchstochen:

Ach, wie viel öfter hab ich Treu gebrochen!

Doch ist es mir, o Herr, wie Petro, Leid

Und darum hast du den treulosen Knecht

Beständig noch zu lieben fortgefahren.

Ach, bring mich auch, wenn ich verirrt, zurecht,

Lass deinen Geist dies schwache Rohr bewahren.

 

10.) Man schleppt dich frühe vor Pilatus Haus.

weil du auch willst für Unbeschnittne leiden,

So gibt man dich an Sünder aus den Heiden.

Man schreit als einen Aufruhrstifter aus,

Dich, Friedensfürst, den König aller Welt!

Herr, ich bekenn die Schuld, ich war verloren,

Weil ich mich deinen Feinden zugesellt.

Und meine Lust zum König hatt erkoren.

 

11.) O Unrecht, dass man dich mit Barabas,

Dem Mörder, auf die Waagschal' durfte setzen!

O, Gräuel, dass man dich durft schlimmer schätzen!

O, Raserei, o mehr noch als Kains Hass!

Doch warum zürn ich mit der Feinde Wut?

Bin ich nicht selbst so arg und blind gewesen,

Da ich elenden Dampf für's höchste Gut,

Da ich den Tod für's Leben auserlesen?

 

12.) Das Mordgeschrei, das an den Himmel stieß,

War nicht so schwer, als meine Sünden riefen.

Die Ströme Bluts, die dir vom Leibe triefen.

Da dich Pilatus scheußlich geißeln ließ,

Sind mir zum Spiegel der blutroten Schuld,

Der Höllenstreiche, die du hast empfunden,

Da du für mich gelitten in Gduld,

Dass ich genesen möcht durch deine Wunden.

 

13.) Der Ehrenkönig trägt ein Purpurkleid,

Damit ich möcht in reiner Seide glänzen.

Den blutgen Scheitel müssen Dornen kränzen,

Zu schenken mir den Kranz der Herrlichkeit.

Man tritt den Glanz der höchsten Majestät

Durch spöttisch' Krönen freventlich mit Füßen,

Weil ich sonst ewiglich verdienet hätt',

Als Frevler wider Gottes Kron zu büßen.

 

14.) O Gottes Lamm wie willig trägest du

Das Fluchholz, um den Fluch von mir zu heben,

Das Holz, das mir sollt Lebensfrüchte geben

Und unter seinem Schatten schaffen Ruh'!

Du Himmelszierde, du hängst nackt und bloß,

Um meiner Nacktheit Schande zu bedecken.

Du wirst zum Scheusal für mich Erdenkloß,

Um von dem Sündendienst mich abzuschrecken.

 

15.) Du bist, du schauervolles Golgatha,

Das Trau'rgerüste, drauf der Schöpfer litte.

Der Kampfplatz, da der Weibessame (b) stritte,

Der Schauplatz, da man höchste Wunder sah.

Hier hänget aller Opfer Gegenbild,

Der Bürge zahlet hier den letzten Scherfen, (c)

Hier wird durchbohrt mein ein'ger Glaubensschild

Vom Pfeil, den Gottes Zorn auf mich wollt werfen.

 

16.) Der zwischen Erd' und Himmel Frieden schafft,

Hängt als ein Scheusal zwischen Luft und Erden.

Sollt ich der Engel Mitgenosse werden:

er musste zwischen Mördern sein verhaft't.

Sein ganzer Rock und sein gevierteilt Kleid

Zur Beute ward den Knechten überlassen.

So sollt das Kleid der Blutgerechtigkeit

Die Welt in allen Teilen ganz umfassen.

 

17.) Des Bundes Blut erwies die erste Kraft

Am Schächer, der noch in den letzten Stunden

Durch wahre Buß und Glauben Gnad' gefunden.

Für alle Sünden war nun Rat geschafft.

Doch ist aus Tausend Einem dies geschehn,

So ist dem sichern Fleisch nichts eingeräumet.

Der andre Schächer muss zu Grunde gehn,

Weil er die rechte Gnadenzeit versäumet.

 

18.) Der Tag ging Jesu unter und mir auf.

Dem Sonnenschöpfer will kein Licht mehr scheinen,

Der Helfer muss als ein Verlassner weinen.

Sein Angstgeschrei hemmt der Geschöpfe Lauf.

wer zittert nicht? Der Löw' aus Juda brüllt!

Den Sohn der Liebe trifft des Vaters Rute!

Was Wunder, dass sich die Natur verhüllt?

O Seelenlicht, was trägst du mir zu Gute?

 

19.) Nun weiß ich, dass die Macht der Finsternis

Zerstöret ist. Muss ich schon ratlos gehen

Durch dunkle Täler und verlassen stehen

Von allem Trost, so bin ich doch gewiss:

Die Sonne muss vorher von Glut und Schein

Beraubet, in des Abgrunds Kluft sich senken,

Eh ich von Jesu werd' geschieden sein.

Und eh' er nicht wird meiner mehr gedenken.

 

20.) Du wirst, o Lebensborn, vor Durst verzehrt,

Kaum ist ein Tröpflein Essig, dich zu laben

Und alle Ströme deiner Himmelsgaben

Sind meinem Durst in Überfluss beschert.

Du gibst dein Leben endlich in den Tod,

Dringst durch den Tod in's Paradies zum Leben,

Um mir in meiner letzten Todesnot

Aus freier Gnad' die Lebenskron' zu geben.

 

21.) Drum soll, so lang ein Ader in mir schlägt,

Mein Herz dein Kreuzesbildnis in sich schließen,

Mein Mund in Lobgesängen sich ergießen,

Mein alles sein zum Opfer dargelegt.

Die Sünde, die dir solche Zentnerlast

Hat aufgebürdet, will ich stets verfluchen

Und was du für mich abgetragen hast

Mit treuer Liebe zu vergelten suchen.

 

22.) Die Seite, die dir ist mit einem Speer

Durchstochen, soll mir sein zur Zufluchtskammer,

Darin ich mich fest an dein Herze klammer.

Wenn Belial (d) mich jagt mit seinem Heer.

Dein Blut mir stets ein offner Brunnen sei.

In dessen Abgrund sich die Schuld verliere.

Schenk deines Geistes Wasser mir dabei,

Der mit dem Schmuck der Heiligkeit mich ziere.

 

23.) Kommst du mit Blut und Wasser dann zu mir,

Ich will dir Blut und Wasser wieder bringen,

Ich will nun durch den offnen Vorhang dringen,

Mich nahen in Freimütigkeit zu dir.

Ich will in meiner letzten Todesnot

Des Blutes Kraft, des Geistes Pfand anrühren.

Dein Blut wird mich befrein vom ew'gen Tod,

Wird mich verklärt in's Himmelserbteil führen.

 

(a) Im Kidronstal bei Jerusalem liegt der Garten Gethsemane,

indem Jesus Christus festgenommen wurde, dieser Ort ist heute von der Todesangstbasilika überbaut

Kidron steht hier für Schmerz und Verzweiflung.

(b) Hinweis auf die Jungfrauengeburt Christi

(c) Scherflein, biblische Münze

(d) Belial ist ein Dämon aus der jüdischen Kultur (hier stellvertretend für den Teufel)

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Autor: Friedrich Adolf Lampe

Melodie: Herr Gott, nach deiner großen Gütigkeit

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gefunden in:

Evangelisches Gesangbuch

Herausgegeben nach den Beschlüssen der Synoden

von Jülich, Kleve, Berg und von der Grafschaft Mark.

Druck und Verlag Sam. Lucas, Elberfeld, 1855

Liednummer 78

Thema: Passion

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Friedrich Adolf Lampe (18. (oder 19.) Februar 1683 im lippischen Detmold; † 8. Dezember 1729 in Bremen) war ein evangelisch-reformierter Pfarrer, Hochschullehrer, Theologe und Kirchenlieddichter in niederrheinisch-pietistischer Tradition. Er amtierte als Pfarrer in Weeze, Duisburg und Bremen.

Lampe wurde als Sohn eines Pfarrers geboren, wurde in Bremen von Cornelius de Hase unterrichtet und studierte dann ab 1702 in Franeker (Stadt im niederländischen Friesland). Nach dem Studium war er von 1703 bis 1706 Pfarrer der reformierten Gemeinde Weeze bei Kleve und von 1706 bis 1709 in Duisburg, wo er sich mit den Labadisten, einer reformierten Sekte, überwarf.

Ab 1709 war Lampe an St. Stephani in Bremen beschäftigt, im April 1720 wurde er dann Professor an der Universität Utrecht , bis er nach theologischen Streitigkeiten 1727 nach Bremen als Prediger an St. Ansgarii berufen und dort Professors an der Akademie wurde.

Theologisch war Lampe stark von der reformierten Föderaltheologie vor allem des Johannes Coccejus beeinflusst, die ihrerseits dem Heidelberger Katechismus verpflichtet war und bis in den niederrheinischen Pietismus hinein Wirkung zeitigte. Grundidee der der Förderaltheologie (oder Bundestheologie) war die von den Täufern kommende Vorstellung einer bruchlosen Kontinuität des Bundesgedankens vom Alten Testament hin zum Neuen Testament. In diesem Sinn versuchten die Anhänger dieser theologischen Richtung zwischen dem Luthertum, dem Pietismus sowie den reformierten Kirchen zu vermitteln, indem sie den Widerspruch zwischen Gnade und Prädestination zu mildern versuchten.

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Uploaded on March 13, 2012
Taken on March 13, 2012