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Weil das alte Jahr vergangen
Photo: Blick in den Schlosspark, Hanau/Main
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Weil das alte Jahr vergangen
1.) Weil das alte Jahr vergangen
Und das neue kommt herbei,
So lass uns, o Gott, anfangen,
Dass es Dir gefällig sei.
Ach Herr, sieh uns gnädig an,
Was wir wider Dich getan,
Wollest du nicht mehr gedenken,
Und die Schuld aus Gnaden schenken.
2.) Was Du uns für Guts erwiesen
In der nun vergangnen Zeit,
Dafür sollst Du sein gepriesen
Jetzund und in Ewigkeit,
Dass Du uns so wohl ernährt
Und auch alles Gut's beschert,
Unsere Last auch helfen tragen,
Drum wir billig (a) Dir danksagen.
3.) Dann: dass wir noch aufrecht gehen,
Dass wir noch im Leben sein,
Müssen wir ja all' gestehen,
Dass es komm von Dir allein.
Du hast über uns gewacht
Und beschirmt vor fremder Macht,
Drum wir billig dir zu ehren
Sollen alles Fleiß ankehren.
4.) Du hast uns gesund gesparet
Und gesegnet unser Land,
Unser Haus und Hof bewahret
Vor den Räubern, Krieg und Brand,
Unsre Stadt und unsre Grenz'
Vor der Seuch' und Pestilenz.
Darum sollen wir dich loben,
Gott im hohen Himmel droben.
5.) Solche Gnad' wollst du erneuen
Auch in diesem neuen Jahr,
Neue Kräfte auch verleihen,
Dir zu dienen immerdar.
Neuen Segen uns bescher
Und uns künftig auch ernähr,
Einen neuen Geist uns schenke,
Unser auf das neu gedenke.
6.) Gib, dass wir vom Alten lassen,
Neues Leben stellen an,
Unsern alten Adam (b) hassen,
Dass der neu' Mensch leben kann,
Tun den alten Sau'rteig (c) weg,
Dass er uns nicht mehr befleck.
Lehr die alte Vorhaut b'schneiden (d)
Und den alten Wandel meiden.
7.) Dass wir neue Gunst erlangen
Bei dir, unserm lieben Gott,
Lehr uns, dir allein anhangen,
Hilf uns auch aus aller Not.
Wenn das letzte Jahr kommt her,
Hilf' und Trost auf's neu bescher,
Dass wir mögen selig sterben, -
Dort das neue Leben erben.
(a) billig' bedeutete früher 'recht', 'sehr', auch 'wie es sich gehört' und wurde als eine positive Bekräftigung verwendet. Vergleiche hierzu 'recht und billig', eine Redeweise, die den ursprünglich positiven Charakter des Worts zeigt und dessen Bedeutung später eine Einengung erfuhr.
(b) Nach christlicher Vorstellung unterliegt jeder Mensch der Erbsünde, die durch den Sündenfall Adams auf ihn gekommen ist und erst durch Jesus Christus und seinen Opfertod am Kreuz aufgehoben wurde. Adam oder Moses, zwei Personen des Alten Testaments, werden häufig als Personifizierungen der Erbsünde benannt. Der durch Christi Opfertod erlöste Mensch ist demgegenüber der neue Mensch, die neue Kreatur oder der neue Adam.
(c) Der Begriff des Sauerteigs hat im Neuen Testament einen ambivalenten Charakter. Zum einen steht er im Gleichnis vom Sauerteig für die Dynamik, die ein von Überzeugung getragener Glaube ausrichten kann (Evangelium des Matthäus, Kapitel 13, Vers 33), zum andern steht er für die Auffassung, dass alle schlechte Angewohnheiten abgelegt werden müssen, um ein neuer Mensch in Jesus Christus zu werden (vgl. 1. Brief an die Korinther, Kapitel 5, Vers 6)
(d) hier wird auf die Tradition der Juden der Beschneidung zurückgegriffen, um das alte überwundene Sündenleben bildlich endgültig zu entfernen
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Autor: Friedrich Greiff
Melodie: Wie nach einer Wasserquelle
oder: Freu dich sehr, o meine Seele
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Der Text wurde von mir behutsam, soweit
es die Strophenform und der Endreim zu-
ließen, in heutiges Hochdeutsch übertragen
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Das deutsche evangelische Kirchenlied des 17. Jahrhunderts
Herausgegeben von Albert Fischer (†) und
Wilhelm Christian Ludwig Tümpel, Dritter Band
Druck und Verlag C. Bertelsmann
Gütersloh, 1906
Liednummer 342
Thema: Kirchen-Jahresanfang oder Neujahr
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Friedrich Greiff (* 29. Oktober 1601 in Tübingen/Herzogtum Württemberg, † 20. November 1668) war Arzt, Apotheker, fürstlicher Rat und evangelisch-lutherischer Lieddichter. Er veröffentlichte mehrere Sammlungen eigener geistlicher Lieder, ein in Reimen gefasste Lebensbeschreibung Christi und gedichtete Andachten. Das von dem Pfarrer und Hymnologen Albert Friedrich Wilhelm Fischer (1829-1896) initiierte und nach seinem Tod ab 1904 in Gütersloh von Wilhelm Christian Ludwig Tümpel (1855-1915) herausgegebene mehrbändige Werk 'Das deutsche evangelische Kirchenlied des 17. Jahrhunderts' enthält sieben Lieder von Greiff.
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Weil das alte Jahr vergangen
Photo: Blick in den Schlosspark, Hanau/Main
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Weil das alte Jahr vergangen
1.) Weil das alte Jahr vergangen
Und das neue kommt herbei,
So lass uns, o Gott, anfangen,
Dass es Dir gefällig sei.
Ach Herr, sieh uns gnädig an,
Was wir wider Dich getan,
Wollest du nicht mehr gedenken,
Und die Schuld aus Gnaden schenken.
2.) Was Du uns für Guts erwiesen
In der nun vergangnen Zeit,
Dafür sollst Du sein gepriesen
Jetzund und in Ewigkeit,
Dass Du uns so wohl ernährt
Und auch alles Gut's beschert,
Unsere Last auch helfen tragen,
Drum wir billig (a) Dir danksagen.
3.) Dann: dass wir noch aufrecht gehen,
Dass wir noch im Leben sein,
Müssen wir ja all' gestehen,
Dass es komm von Dir allein.
Du hast über uns gewacht
Und beschirmt vor fremder Macht,
Drum wir billig dir zu ehren
Sollen alles Fleiß ankehren.
4.) Du hast uns gesund gesparet
Und gesegnet unser Land,
Unser Haus und Hof bewahret
Vor den Räubern, Krieg und Brand,
Unsre Stadt und unsre Grenz'
Vor der Seuch' und Pestilenz.
Darum sollen wir dich loben,
Gott im hohen Himmel droben.
5.) Solche Gnad' wollst du erneuen
Auch in diesem neuen Jahr,
Neue Kräfte auch verleihen,
Dir zu dienen immerdar.
Neuen Segen uns bescher
Und uns künftig auch ernähr,
Einen neuen Geist uns schenke,
Unser auf das neu gedenke.
6.) Gib, dass wir vom Alten lassen,
Neues Leben stellen an,
Unsern alten Adam (b) hassen,
Dass der neu' Mensch leben kann,
Tun den alten Sau'rteig (c) weg,
Dass er uns nicht mehr befleck.
Lehr die alte Vorhaut b'schneiden (d)
Und den alten Wandel meiden.
7.) Dass wir neue Gunst erlangen
Bei dir, unserm lieben Gott,
Lehr uns, dir allein anhangen,
Hilf uns auch aus aller Not.
Wenn das letzte Jahr kommt her,
Hilf' und Trost auf's neu bescher,
Dass wir mögen selig sterben, -
Dort das neue Leben erben.
(a) billig' bedeutete früher 'recht', 'sehr', auch 'wie es sich gehört' und wurde als eine positive Bekräftigung verwendet. Vergleiche hierzu 'recht und billig', eine Redeweise, die den ursprünglich positiven Charakter des Worts zeigt und dessen Bedeutung später eine Einengung erfuhr.
(b) Nach christlicher Vorstellung unterliegt jeder Mensch der Erbsünde, die durch den Sündenfall Adams auf ihn gekommen ist und erst durch Jesus Christus und seinen Opfertod am Kreuz aufgehoben wurde. Adam oder Moses, zwei Personen des Alten Testaments, werden häufig als Personifizierungen der Erbsünde benannt. Der durch Christi Opfertod erlöste Mensch ist demgegenüber der neue Mensch, die neue Kreatur oder der neue Adam.
(c) Der Begriff des Sauerteigs hat im Neuen Testament einen ambivalenten Charakter. Zum einen steht er im Gleichnis vom Sauerteig für die Dynamik, die ein von Überzeugung getragener Glaube ausrichten kann (Evangelium des Matthäus, Kapitel 13, Vers 33), zum andern steht er für die Auffassung, dass alle schlechte Angewohnheiten abgelegt werden müssen, um ein neuer Mensch in Jesus Christus zu werden (vgl. 1. Brief an die Korinther, Kapitel 5, Vers 6)
(d) hier wird auf die Tradition der Juden der Beschneidung zurückgegriffen, um das alte überwundene Sündenleben bildlich endgültig zu entfernen
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Autor: Friedrich Greiff
Melodie: Wie nach einer Wasserquelle
oder: Freu dich sehr, o meine Seele
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Der Text wurde von mir behutsam, soweit
es die Strophenform und der Endreim zu-
ließen, in heutiges Hochdeutsch übertragen
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Das deutsche evangelische Kirchenlied des 17. Jahrhunderts
Herausgegeben von Albert Fischer (†) und
Wilhelm Christian Ludwig Tümpel, Dritter Band
Druck und Verlag C. Bertelsmann
Gütersloh, 1906
Liednummer 342
Thema: Kirchen-Jahresanfang oder Neujahr
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Friedrich Greiff (* 29. Oktober 1601 in Tübingen/Herzogtum Württemberg, † 20. November 1668) war Arzt, Apotheker, fürstlicher Rat und evangelisch-lutherischer Lieddichter. Er veröffentlichte mehrere Sammlungen eigener geistlicher Lieder, ein in Reimen gefasste Lebensbeschreibung Christi und gedichtete Andachten. Das von dem Pfarrer und Hymnologen Albert Friedrich Wilhelm Fischer (1829-1896) initiierte und nach seinem Tod ab 1904 in Gütersloh von Wilhelm Christian Ludwig Tümpel (1855-1915) herausgegebene mehrbändige Werk 'Das deutsche evangelische Kirchenlied des 17. Jahrhunderts' enthält sieben Lieder von Greiff.
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