Back to photostream

Könnt sich in meiner Brust

Bild: Rose (nachbearbeitetes Photo)

++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++

 

Könnt sich in meiner Brust

 

1.) Könnt sich in meiner Brust

Der Trieb, zu zweifeln, regen,

Als wär mein Gott nicht stets

Mir, wo ich bin, zugegen,

Da mir die Schrift gesagt,

Dass er den Menschen sieht,

Wenn er im Himmel ist,

Wenn er zur Höllen flieht?

 

2.) Schon die Vernunft sagt mir:

Du wirst, Gott zu entfliehen,

Kurzsicht'ger Sterblicher,

Dich stets umsonst bemühen.

Kein Raum ist ihm zu hoch,

Kein Abgrund tief genug,

Kein Dunkel ihm zu schwarz,

Zu blendend kein Betrug!'

 

3.) Die Vollenkommenheit,

Die unsern Erdball schmücket,

Und die der Freigeist selbst,

Wohin er sieht, erblicket,

Die zeigt, dass unser Gott, -

O Zweifeler, wie klar! -

Von Anbeginn der Welt

Allgegenwärtig war.

 

4.) Das, Christen, ist er noch:

Noch immer kann er hören,

Wenn tolle Freveler

Sich wider ihn empören,

Und hielten sie gleich tief

In einer Höhle Rat,

Die nie der Mond beschien,

Kein Wandrer je betrat.

 

5.) Hört Gott zu einer Zeit

Den Krieger in den Schlachten,

Den Schiffer auf der See,

Den Bergmann in den Schachten,

Den Hungrigen am Bach,

Den Durstigen im Hain,

So muss der Gott doch wohl

Allgegenwärtig sein! -

 

6.) Nun, so begleite denn,

Durch dieses trübe Leben,

Mich der Gedanke hin:

Ich bin von Gott umgeben! -

Dringt eine schnöde Lust

In meine Seele sich,

Dann sprech ich: Mensch, halt ein,

Gott sieht, Gott höret dich! -

 

7.) Ist meine Seele voll

Von Hoffnung oder Jammer.

Dann eil' ich und verschließ

Die Türe meiner Kammer,

Und bet' zu meinem Gott,

Der das, warum ich bat,

Wenn es mir nützlich war,

Mir nie versaget hat.

 

8.) Du aber, Freigeist, wiss',

Gott siehet deine Sünden.

Er höret deinen Spott

Und kann dich immer finden!

Straft zwar dein Tun nicht stets,

Nicht gleich, ein Wetterstrahl. (a)

So ist doch jene Welt

Dir eine Welt voll Qual!

 

(a) Blitz

 

++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++

Autor: Heinrich Wilhelm Lawätz

Melodie: Nun danket alle Gott

++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++

Geistliche Oden und Lieder

[von Heinrich Wilhelm Lawätz]

Verlegt in der Heroldschen Buchhandlung

Hamburg, 1775

Thema: Sünde, Buße und Umkehr

++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++

Heinrich Wilhelm Lawätz (* 27. April 1748 in Rendsburg/Herzogtum Holstein; † 27. Juni 1825 in Altona) war ein deutscher Jurist, Staatsbeamter und Schriftsteller evangelisch-lutherischer Konfession. Lawätz wurde als Sohn des Justizrates Heinrich Franz Lawätz († 1762) geboren und im elterlichen Haus durch einen Hauslehrer unterrichtet. Ab dem Jahr 1764 besuchte er das Gymnasium in Altona und studierte ab dem Jahr 1767 an der Universität in Leipzig, wo er den Dichter Christian Fürchtegott Gellert (1715-1769) kennenlernte. Später wechselte Lawätz an die Christian-Albrechts-Universität in Kiel und wurde nach Abschluss seines Studiums Regierungssekretär bei der damaligen großfürstlichen Regierung. Im Jahr 1775 wurde Lawätz zum Schreiber und Syndikus an dem adeligen evangelischen Kloster in Uetersen gewählt und 1801 zum Administrator am königlichen Leihinstitut in Altona ernannt. Als dieses 1813 aufgehoben wurde, zog er sich ins Privatleben zurück. Lawätz veröffentlichte im Jahr 1775 seine Gedichte unter dem Titel 'Geistliche Oden und Lieder'. Darüber hinaus verfasste er auch drei Lustspiele. Danach wurde Lawätz durch ein weitläufig angelegtes, aber nicht zu Ende geführtes Werk, das 'Handbuch für Bücherfreunde und Bibliothekare', bekannt, das zwischen 1788 und 1795 erschien.

++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++

 

997 views
5 faves
1 comment
Uploaded on May 13, 2020