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Herbst ist es jetzt, von Blättern leer die Bäume
Photo: In Wiesbaden-Dotzheim, Gemarkung Im Himmelreich
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Herbst ist es jetzt, von Blättern leer die Bäume
1.) Herbst ist es jetzt, von Blättern leer die Bäume,
Nur hier und dort an Zweigen flattert eins,
Durchsichtig sind des Waldes tiefe Räume
Im Dämmerlicht des grauen Tagesscheins.
Die Wolken senken sich, wie schwere Träume,
Bis in die Kluft hinab des Felsgesteins.
Entflohen sind die schönen Sängerinnen, (a)
Und Raben krächzen um die öden Zinnen.
2.) Herbst ist es jetzt. Dein Schmuck ist dir genommen,
Du stolzer Wald, der Kranz ist dir geraubt.
Der raue Nord (b) ist über Nacht gekommen
Und hat dich, Kind des Südens, angeschnaubt,
Von gelben Wogen ist dein Fuß umschwommen,
An deinen Wurzeln rauscht es falb umlaubt.
Dein Feind, die Krone ganz dir zu verderben,
Tanzt stürmisch triumphierend auf den Scherben.
3.) Herbst ist es jetzt. Ich wühl mit meinem Stabe
Im Blättermeer, das wirbelnd mich umkreist.
Ich steh an meines Glückes offnem Grabe,
Und aus den Blättern spricht des Waldes Geist.
Der Vater, den ich heiß geliebet habe,
Erscheint mir, seinem Sohne, der verwaist.
Der Wald, ein Leichnam, liegt zu meinen Füßen,
Kein Trost, als des Entseelten Geistergrüßen:
4.) 'Herbst ist es jetzt!' so haucht der Blätter Flüstern,
Doch fasse dich, nicht für die Ewigkeit
Verfallen ist dein Freund dem Tod, dem düstern,
Bald kehrt der Tag der Jugendherrlichkeit,
Ein schöner Held wird wehren den Verwüstern,
Er heißet: Lenz! (c) Er ist's, der mich befreit.
Geh schlaf in deines Hüttleins warmer Ecke,
Bis freudebrausend ich dich auferwecke!'
5.) 'Herbst ist es jetzt!' muss ich dem Geist erwidern,
Du tröstest mich mit deiner Zukunft nicht.
Nun ist es aus mit meinen Waldesliedern,
Mit deinem Tod erstirbt mein Waldgedicht.
Wirst du im neuen Lenz dich neu befiedern,
Du bist's nicht mehr, du trautes Waldgesicht,
Du bist erbleicht, dich werd' ich nimmer sehen!
Leb wohl. Ins Hüttlein will ich schlafen gehen.'
(a) die Singvögel
(b) Nordwind
(c) Frühling
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Autor: Balthasar Reber
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Alpenrosen, ein Schweizer Almanach
auf das Jahr 1854
Herausgegeben von A.E. Fröhlich
Schweighausersche Verlagsbuchhandlung
Basel, 1854
Thema: Herbstlied
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Balthasar Reber (* 7. Dezember 1805 in Basel/Schweiz; † 13. März 1875 ebenda) war ein Schweizer evangelisch-reformierter Pfarrer, Historiker und Schriftsteller. Er wurde als Sohn des Kaufmanns Nicolaus Reber geboren und studierte von 1825 bis 1830 Philologie, Geschichte und Theologie in Berlin und Basel. Nach seiner Ordination war er zunächst als Pfarrer, dann ab 1840 als Lehrer für Geschichte tätig. Im Jahr 1845 promovierte er an der Universität Basel, wo er sich sechs Jahre später auch habilitierte. Ab 1853 wirkte er als Lehrer an der Gewerbeschule und ab 1855 zudem als außerordentlicher Professor für Schweizer Geschichte an der Universität Basel. Reber veröffentlichte Schriften zur Schweizer Geschichte, speziell des Spätmittelalters und der Frühen Neuzeit, die sich durch genaues Quellenstudium auszeichnen. Als Schriftsteller schrieb Reber Gedichte und historische Erzählungen. Im Jahr 1843 veröffentlichte Reber zusammen mit Wilhelm Wackernagel eine Sammlung vaterländischer Lieder unter dem Titel 'Zeitgedichten'. Seine Gedichte stehen auch in der Zeitschrift 'Alpenrose', die zwischen 1811 und 1854 in Basel erschien.
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Herbst ist es jetzt, von Blättern leer die Bäume
Photo: In Wiesbaden-Dotzheim, Gemarkung Im Himmelreich
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Herbst ist es jetzt, von Blättern leer die Bäume
1.) Herbst ist es jetzt, von Blättern leer die Bäume,
Nur hier und dort an Zweigen flattert eins,
Durchsichtig sind des Waldes tiefe Räume
Im Dämmerlicht des grauen Tagesscheins.
Die Wolken senken sich, wie schwere Träume,
Bis in die Kluft hinab des Felsgesteins.
Entflohen sind die schönen Sängerinnen, (a)
Und Raben krächzen um die öden Zinnen.
2.) Herbst ist es jetzt. Dein Schmuck ist dir genommen,
Du stolzer Wald, der Kranz ist dir geraubt.
Der raue Nord (b) ist über Nacht gekommen
Und hat dich, Kind des Südens, angeschnaubt,
Von gelben Wogen ist dein Fuß umschwommen,
An deinen Wurzeln rauscht es falb umlaubt.
Dein Feind, die Krone ganz dir zu verderben,
Tanzt stürmisch triumphierend auf den Scherben.
3.) Herbst ist es jetzt. Ich wühl mit meinem Stabe
Im Blättermeer, das wirbelnd mich umkreist.
Ich steh an meines Glückes offnem Grabe,
Und aus den Blättern spricht des Waldes Geist.
Der Vater, den ich heiß geliebet habe,
Erscheint mir, seinem Sohne, der verwaist.
Der Wald, ein Leichnam, liegt zu meinen Füßen,
Kein Trost, als des Entseelten Geistergrüßen:
4.) 'Herbst ist es jetzt!' so haucht der Blätter Flüstern,
Doch fasse dich, nicht für die Ewigkeit
Verfallen ist dein Freund dem Tod, dem düstern,
Bald kehrt der Tag der Jugendherrlichkeit,
Ein schöner Held wird wehren den Verwüstern,
Er heißet: Lenz! (c) Er ist's, der mich befreit.
Geh schlaf in deines Hüttleins warmer Ecke,
Bis freudebrausend ich dich auferwecke!'
5.) 'Herbst ist es jetzt!' muss ich dem Geist erwidern,
Du tröstest mich mit deiner Zukunft nicht.
Nun ist es aus mit meinen Waldesliedern,
Mit deinem Tod erstirbt mein Waldgedicht.
Wirst du im neuen Lenz dich neu befiedern,
Du bist's nicht mehr, du trautes Waldgesicht,
Du bist erbleicht, dich werd' ich nimmer sehen!
Leb wohl. Ins Hüttlein will ich schlafen gehen.'
(a) die Singvögel
(b) Nordwind
(c) Frühling
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Autor: Balthasar Reber
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Alpenrosen, ein Schweizer Almanach
auf das Jahr 1854
Herausgegeben von A.E. Fröhlich
Schweighausersche Verlagsbuchhandlung
Basel, 1854
Thema: Herbstlied
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Balthasar Reber (* 7. Dezember 1805 in Basel/Schweiz; † 13. März 1875 ebenda) war ein Schweizer evangelisch-reformierter Pfarrer, Historiker und Schriftsteller. Er wurde als Sohn des Kaufmanns Nicolaus Reber geboren und studierte von 1825 bis 1830 Philologie, Geschichte und Theologie in Berlin und Basel. Nach seiner Ordination war er zunächst als Pfarrer, dann ab 1840 als Lehrer für Geschichte tätig. Im Jahr 1845 promovierte er an der Universität Basel, wo er sich sechs Jahre später auch habilitierte. Ab 1853 wirkte er als Lehrer an der Gewerbeschule und ab 1855 zudem als außerordentlicher Professor für Schweizer Geschichte an der Universität Basel. Reber veröffentlichte Schriften zur Schweizer Geschichte, speziell des Spätmittelalters und der Frühen Neuzeit, die sich durch genaues Quellenstudium auszeichnen. Als Schriftsteller schrieb Reber Gedichte und historische Erzählungen. Im Jahr 1843 veröffentlichte Reber zusammen mit Wilhelm Wackernagel eine Sammlung vaterländischer Lieder unter dem Titel 'Zeitgedichten'. Seine Gedichte stehen auch in der Zeitschrift 'Alpenrose', die zwischen 1811 und 1854 in Basel erschien.
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