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Der schmale und der breite Weg

Bild: Der schmale und der breite Weg, eine beliebte Darstellung im vorletzten Jahrhundert, mit der die Gefälligkeit und Vergänglichkeit der irdischen Freuden den künftigen himmlischen Freuden gegenübergestellt wird. Der im Bild im Mittelgrund stehende Pfarrer weist auf den (vom Betrachter rechts) liegenden Weg, der ins Himmelreich mündet. Sein Zugang ist nur durch eine enge Pforte und einen irdischen freudlosen schmalen Weg zu erreichen, während der linke Weg die Ablenkungen eines irdisch bestimmten Daseins bietet.

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Zu mir, zu mir, ruft Jesus noch

 

1.) Zu mir, zu mir, ruft Jesus noch.

Die Kindlein lasset kommen!

Hab ich aus Lieb zu ihnen doch

Die Kindheit angenommen.

Ja, wie ein arm elendes Kind,

Gebüßet und beweint die Sünd,

Der Kinder, die mich hören.

 

2.) Ich hab am Kreuz für sie mein Blut

Mit bittrem Schmerz vergossen,

Dadurch gelöscht der Hölle Glut,

Den Himmel aufgeschlossen.

Nun steh und ruf ich mit Begier:

'Kommt, Kinder, kommet her zu mir,

ich will euch selig machen!'

 

3.) Zu mir, zu mir, nicht zu der Welt

Und ihren Eitelkeiten,

Die auch euch Kindern sehr nachstellt

Und lockt auf allen Seiten.

Drum sieh dich vor, mein Kind, und tu

Vor ihr dein Aug und Herze zu,

Sie stürzt dich ins Verderben!

 

4.) Sie beut (a) dir an Lust, Ehre, Pracht,

Freud, Schönheit, Ruh und Schätze.

Doch, wenn man's alles wohl betracht't,

So sind's nur Strick und Netze,

Die Satan braucht, dadurch die Seel

Zu fangen und zu führ'n zur Höll

Auf ebnen, breiten Wegen.

 

5.) Die Welt gibt Wollust, die zerfließt

Im Blick, und dann folgt Pressen.

Wie bald ist eine Lust gebüßt,

Ein Leckerbisschen 'gessen!

Und dafür muss die Seele dann

Auf ewig mit dem reichen Mann

Dort in der Flamme darben.

 

6.) Weltehre, Lieb, Lob, Gunst und Gnad

Ist kaum mit Müh zu kriegen,

Und wem sie's heut gegeben hat,

Den lässt sie Morgen liegen

In Schmach, Verachtung, Spott und Kot.

Und hielt man's gleich bis an den Tod,

Folgt dann doch ew'ge Schande.

 

7.) Ihr Prangen, Pracht und Herrlichkeit,

Ihr Säubern und ihr Zieren

Ihr Phantasie und Eitelkeit,

Zeit-, Müh- und Seelverlieren,

Die, wann der Leib im schwarzen Schoß

Der Erde liegt, muss nackt und bloß,

Mit Kot beschmutzt hinfahren.

 

8.) Ihr Scherzen, Lachen, Tanzen, Freud

Geht nimmer recht von Herzen

Und wird gar leicht verkehrt in Leid,

Bringt endlich ew'ge Schmerzen.

Dein Schönheit, die sie so hoch acht't,

Liegt bald verwelket und veracht't,

Dann hast du ausgedienet.

 

9.) Die Welt auch Ruhe dir anbeut, (a)

Doch kann sie gar nichts geben

Als Unruh, Grämen, Müh und Streit,

Ein jammervolles Leben.

Und gibt sie Ruh, so ruhet man

Am Höllenrand, drein stürzt sie dann

Im Tod dich plötzlich nieder.

 

10.) Ihr Reichtum, Schätze, Geld und Gut -

Drum muss man von dem Morgen

Bis in die Nacht, ja bis in'n Tod

Stets laufen, wühlen, sorgen.

Hat man's, gar leicht verliert man's noch,

Verliert man's nicht, so muss man's doch

Im Tode all's verlassen.

 

11.) Nun sieh, mein Kind, dies ist's wie viel

Die Welt vermag zu geben.

Hüt dich vor ihrem Trauerspiel,

Es gilt dir Leib und Leben.

Merk doch aufs End, du musst davon!

Sonst wirst du einst vorm Richterthron

'Geht weg von mir!' anhören.

 

12.) Nun ruf ich noch mit süßer Stimm:

'Kommt her zu mir, ihr Kinder!'

Steh still und es zu Herzen nimm,

Ich gebe dir nicht minder!

Denn des die Welt so rühmet sich,

Ist Schatten nur und wesentlich

Allein in mir zu finden.

 

13.) Die Lüste, die ich tropfweis gieß

Schon jetzt in keusche Herzen

Zart, kräftig, innig, übersüß,

Geist, Seel und Leib ergötzen.

Schmeckt hier so meine Freundlichkeit,

Was wird's denn sein, in Ewigkeit

Aus Wollustströmen trinken!

 

14.) Bei mir ist Ehre unverrückt,

Ich liebe, die mich lieben,

Auch ew'ge Gnade man erblickt

Nach wenigem Betrüben.

Ich steh in Not und Tod dir bei,

Ich bleibe ewig dir getreu:

Das hat gar viel zu sagen.

 

15.) Ich will die Seel mit Heiligkeit

Und Tugendschmuck umhangen,

Drin sie auf'm Thron in Herrlichkeit

Als Königin wird prangen.

Der Leib auf der Posaunen Hall

Wird aufstehn glänzend wie Kristall,

Durch meinen Geist verkläret.

 

16.) Bei mir ist wahre Freud die Füll,

Die Welt noch Feind kann rühren.

Die macht im Kreuz und Leiden still,

Im Tod wohl jubilieren.

Flieh, eitle Schönheit, die nur Wust,

So werd ich ewig meine Lust

An deiner Schönheit haben!

 

17.) Ich bin dein's Geistes Ruhestell',

Ich kann ihn nur vergnügen.

Es kann kein Sturmwind, Furcht noch Höll'

Auf meinem Schoß ihn rügen.

Komm her zu mir, ich rufe noch,

Mein Kind, nimm auf mein sanftes Joch,

So wirst du Ruhe finden!

 

18.) Mein Reichtum ist beständig's Gut,

Den ich umsonst will schenken,

Kein Rost, kein Dieb, kein Feu'r noch Flut

Kann solchen ewig kränken.

Ich hab' ein ganzes Himmelreich,

Viel' Königsschätze drin zugleich,

Die wirst du all' ererben.

 

19.) Sieh da, mein Kind, was Jesus sei,

Wo du nicht ganz ein Blinder.

Folg meiner Stimm', weil ich noch schrei:

'Kommt her zu mir ihr Kinder!'

Folgst du nun jetzt dem Rufen nach,

So sollst du auch an jenem Tag

'Komm her zu mir!' dann hören.

 

20.) Wenn dann die Welt samt Lust und Pracht

Im Feuer wird vergehen,

Dann wirst du werden zu mir bracht

Und freudig mit mir gehen.

Zu meinem Reiche, da wirst du

Auf meinen Armen finden Ruh',

Und ich dich ewig herzen.

 

21.) In meiner Liebe, Furcht und Ehr'

Die schönen Jugendjahren

Und zarte Blüt' der Kraft verzehr,

Lass Schein und Schatten fahren,

Kein'n Augenblick verschieb es nicht,

Eh dir der Lebensfaden bricht.

Gib mir, mein Kind, dein Herze!

 

22.) Der Frommen kleines Häufelein

Sei deine Lust auf Erden,

So wirst auch du ein Engelein

Mit ihnen nachmals werden.

Mein' Engel hier bewahren dich,

Mit welchen du wirst ewiglich

im Paradies spazieren.

 

(a) bietet

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Text: Gerhard Tersteegen, 1745

Melodie: Es ist das Heil uns kommen her

Mainz um 1390, (EG 342)

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Gerhard Tersteegen (niederdeutsch: Gerrit ter Steegen * 25. November 1697 in Moers; † 3. April 1769 in Mülheim an der Ruhr), deutscher Theologe, niederrheinischer Prediger, Seelsorger, Schriftsteller, bedeutender Kirchenlieddichter und Mystiker des reformierten Pietismus.

Zuerst Kaufmann in Mülheim/Ruhr, dann Bandwirker, um abgeschieden leben zu können; Laientheologe und tiefgründiger Mystiker des reformierten Pietismus; seine Lieder besingen die pilgernde Gemeinschaft der Gläubigen und die kindlich vertrauende Anbetung Gottes.

Er war ein reformierter Mystiker, der nicht nur eine umfassende theologische und allgemeine Bildung besaß, sondern auch ein reiches inneres Leben.

Durch Wort und Schrift war er vielen Menschen ein Seelsorger und sogar geistlicher Führer. Seine Ehrfurcht vor Gott spiegelt sich in vielen seiner Lieder durch die zarten und innigen Töne wieder.

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Gerhard Tersteegen (November 25, 1697 – April 3, 1769), a German Reformed religious writer, born at Moers, at that time the capital of a countship belonging to the house of Orange-Nassau (it fell to Prussia in 1702), which formed a Protestant enclave in the midst of a Catholic country.

After being educated at the gymnasium of his native town, Tersteegen was for some years apprenticed to a merchant. He soon came under the influence of Wilhelm Hoffman, a pietistic revivalist, and devoted himself to writing and public speaking, withdrawing in 1728 from all secular pursuits and giving himself entirely to religious work.

He also had a great influence on radical Pietism.

His writings include a collection of hymns (Das geistliche Blumengartlein [The spiritual flower-garden], 1729; new edition, Stuttgart, 1868), a volume of Gebete (prayers), and another of Briefe (letters), besides translations of the writings of the French mystics and of Julian of Norwich. He died in Mülheim, North Rhine-Westphalia.

He was well known for his deeply spiritual sermons in his day, and hundreds of people crowded into his home to hear him speak of the things of God. Some of his sermons have been translated into English

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Uploaded on May 16, 2010
Taken on May 16, 2010