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"Ich bin dein Heil" / "I am your salvation"

Was trauerst du, mein Angesicht

 

1.) Was trauerst du, mein Angesicht,

Wann du den Tod hörst nennen?

Sei ohne Furcht: er schadt dir nicht,

Lern ihn nur recht erkennen.

Kennst du den Tod,

So hats nicht Not,

All Angst wird sich zertrennen.

 

2.) Vors erste, zeuch die Larven ab

Der alten roten Schlangen.

Sieh an, dass sie kein Gift mehr hab,

Es ist ihr abgefangen

Durch Jesum Christ,

Der vor uns ist

Ins Grab und Tod gegangen.

 

3.) Ja Herr, du tratst ihm an das Herz,

Brachst seines Stachels Spitzen.

Nunmehr ist er ein lauter Scherz

Und kann uns gar nicht ritzen.

Dein edles Blut

Dämpft seine Glut,

Dein Flammen zwingt sein Hitzen.

 

4.) Die Sünde war des Todes Kraft,

Die uns zum Sterben triebe,

Nun ist die Sünd all abgeschafft

Durch Christi Treu und Liebe.

Ihr Ernst und Macht

Ist matt gemacht,

Trotz, dass sie uns betrübe.

 

5.) Die Sünd ist tot, Gott ist versöhnt,

Durch seines Sohnes Dulden,

Der Grimm ist hin, den wir verdient

Mit unsers Lebens Schulden.

Der vor (a) war Feind,

Ist nunmehr Freund

Voll süßer Gnad und Hulden.

 

6.) Bist du denn Freund, so kannst du mich,

Mein Gott, ja nicht umbringen.

Dein Vaterherze lässet sich

Zum Mord und Tod nicht dringen.

Wer sich befindt

Dein Erb und Kind,

Ist frei von bösen Dingen.

 

7.) Das aber, Vater, tust du wohl,

Wann uns die Trübsal kränket,

Wann wir des Lebens satt und voll

Des Jammers, der uns tränket,

Dass dann dein Hand

Ans Vaterland

Uns aus den Fluten lenket.

 

8.) Wann sich das starke Wetter regt,

Davon die Höhen fallen,

Wann deines Zornes Donner schlägt,

Dass Berg und Tal erschallen:

So trittst du zu

Und bringst zur Ruh

Uns, die dir wohlgefallen.

 

9.) Wann unsre Feinde um uns her

Uns bringen in die Mitten,

Wann Ottern, Löwen, Wölf und Bär

Ihr Gift auf uns ausschütten:

Nimmst du dein Schaf,

Bringt's in den Schlaf

Bei dir in deiner Hütten.

 

10.) Wann diese Welt gibt bösen Lohn

Dem, der dich treulich ehret,

So sprichst du: Komm zu mir, mein Sohn,

Hier hab ich, was dich nähret:

Lust, Ehr und Freud,

Die keine Zeit

In Ewigkeit verzehret.

 

11.) Alsbald schließt uns der Engel Schar

Mit Freud in ihrem Bogen

Und nehmen unsrer Seele wahr,

Die, wann sie ausgeflogen,

In ihre Hut

Mit stillem Mut

Zu Gott kommt angezogen.

 

12.) Der Herr empfänget seine Braut

Und spricht: Sei mir willkommen!

Du bists, die ich mir anvertraut,

Komm, wohne bei den Frommen,

Die ich vor dir

Anher zu mir

Aus jener Welt genommen.

 

13.) Du hast behalten Glaub und Treu

Im Herzen, da ich wohne:

So geb und leg ich dir nun bei

Die schöne Freudenkrone.

Ich bin dein Heil,

Dein Erb und Teil,

Tritt her zu meinem Throne.

 

14.) Hier trock'n ich deiner Augen Flut,

Hier still ich deine Tränen,

Hier setzt sich in dem höchsten Gut

Dein Seufzen, Klag und Sehnen.

Dein Jammermeer

Wird niemand mehr,

Als nur in Freud, erwähnen.

 

15.) Hier kleid ich meiner Christen Zahl

Mit reiner weißer Seide.

Hier springen sie im Himmelssaal,

Und ist nicht, der sie neide.

Hier ist kein Tod,

Kein Kreuz und Not,

Das gute Freunde scheide.

 

16.) Ach, Gott mein Herr, was will ich doch

Mich vor dem Tode scheuen?

Er ists ja, der mich von dem Joch

Des Elends will befreien:

Er nimmt mich aus

Dem Marterhaus,

Das kann mich nicht gereuen.

 

17.) Der Tod, der ist mein Rotes Meer,

Dadurch auf trocknem Sande

Dein Israel, das fromme Heer,

Geht zum Gelobten Lande,

Da Milch und Wein

Stets fleußt herein

Wie Ström in ihrem Rande.

 

18.) Er ist das güldne Himmelstor

Und des Eliä Wagen,

Darauf mich Gott zum Engelchor

Gar bald wird lassen tragen,

Wann er, der Letzt

Und Erste, setzt

Ein End an meinen Tagen.

 

19.) O süße Lust, o edle Ruh,

O frommer Seelen Freude,

Komm, schleuß mir meine Augen zu,

Dass ich mit Fried abscheide

Hin, da mein Hirt

Mich leiten wird

Zur immergrünen Weide.

 

20.) Daselbst wird er mit vollem Maß,

Was hier gefehlt, einbringen.

Dafür wird ihm ohn Unterlass

Sein Halleluja klingen,

Das will auch ich

Ihm williglich

Eins nach dem andern singen.

 

(a) vormals

 

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Text: Paul Gerhardt

 

gefunden in: Paul Gerhardt - Lieder und Gedichte

Verlag Paul Müller, München, 1949

Herausgegeben von Eberhard von Cranach-Sichart

Kapitel Tod und ewiges Leben, Seite 211

 

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Paul Gerhardt, geb. 1607 in Gräfenhainichen (Sachsen), Hauslehrer in Berlin, 1651 evangelisch-lutherischer Propst in Mittenwalde (Mark Brandenburg), 1657 Pfarrer an St. Nikolai in Berlin; 1667 seines Amtes enthoben, weil er als überzeugter Lutheraner dem Toleranzedikt des reformierten Großen Kurfürsten nicht zustimmen konnte, 1669 Archidiakonus in Lübben (Spreewald); dort gestorben 1676.

Er ist nach Martin Luther der bekannteste und produktivste Kirchenlieddichter. Seine etwa 130 Lieder bezeugen auf dem Hintergrund des Dreißigjährigen Krieges persönliches Gottvertrauen und christliche Heilserfahrung; Crüger und Ebeling vertonten viele seiner Gedichte.

 

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Uploaded on June 16, 2009
Taken on June 5, 2009