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Prof. Maurice Goldhaber - ehemaliger Absolvent des Chemnitzer Realgymnasiums (heute Agricola Gymnasium) - im Spannungsfeld von drei Gesellschaftssystemen

Im Zusammenhang mit der Erbauung des neuen Realgymnasiums am damals bereits seit 1928 so heißenden Karl-Marx-Platz (heute Platz der OdF – Opfer des Faschismus) schuf der bekannte Bildhauer Heinrich Brenner diese vier bekannten Jünglingsfiguren (jede in zwei verschiedenen Ausführungen) im Eingangsbereich des architektonisch renommierten bauhausstilistisch gehaltenen

Moderne-Baues (zu DDR-Zeiten Karl-Marx-EOS - heute Agricola-Gymnasium). Die dort in Stein gehauenen Figuren stellen ganz real und ganz konkret existierende junge Menschen dar, nämlich Absolventen des besagten Gymnasiums, die auch schon Zeitzeugen der Vorläufer-Einrichtung, des Realgymnasium´s an der Reitbahnstraße – Ecke Annenstraße gewesen waren (im Krieg zerbombt). Alle haben sie ihren eigenen Namen und damit im Zusammenhang ihre eigene Lebensgeschichte. Besonders bemerkenswert ist die der (heute wieder) ganz oben prangenden Plastik links und rechts. Kein geringerer als Moritz Goldhaber stand hier 1928 Modell, der uns im weiteren Gang der Geschichte noch oft begegnen wird. 1936 fiel es dem damals amtierenden Rektor dieser Bildungseinrichtung - braunblütig bis ins Mark – ein, daß das steinerne Bildnis Goldhabers (jüdischer Abstammung) so ganz und gar nicht in das „volksgenossenschaftliche“ (sprich nationalsozialistische) Gefüge passen würde, bezeichnete es gar als gefährdend. So wurde die Plastik entfernt, zerstört und mit Ziegelklinker ersetzt, ganz bewußt aber so gemacht, daß man sehen konnte, daß hier was entfernt wurde, was nicht regime-konform war. Goldhaber, damals 25 jährig und in Berlin studiert, verläßt Deutschland danach in Richtung England, von wo aus ihn sein Lebensweg weiter nach Amerika führt. Der in Lemberg geborene Österreicher legt seinen deutschen Vornamen Moritz ab und übernimmt ihn neu in angloamerikanisierter Form Maurice, nicht um zu gefallen und nicht einer trendigen Modewelle wegen, sondern um mit etwas abzuschließen, mit Deutschland, dessen Nazi-Schergen ihn so sträflichst schmähten. Mit dieser auch nach außen hin eindeutigen Reaktion auf das Vorgefallene betritt er Deutschland nie wieder, konsequenterweise auch nicht besuchshalber. Trotzdem begrüßenswert, daß eine solche Einladung ergangen ist – von keinem geringeren als Addi Jacobi - dem bekannten Chemnitzer Stadtjournalist. Befragt nach seiner Meinung hinsichtlich der Neuschaffung seines Ebenbildes soll Professor Goldhaber nur geäußert haben, daß dies eine Sache Deutschlands sei. Eine kluge Antwort, so lapidar sie vielleicht auch klingt. Er tut damit niemandem weh, weicht aber auch um keine Haaresbreit von seinen damals auf das vorgefallene hin getroffenen Konsequenzen ab. Immerhin hat es, nicht nur Jahre, sondern Jahrzehnte – viele Jahrzehnte – viel zu viele Jahrzehnte - trotz der längst zerschlagenen Hitler Diktatur - gedauert, bis man auf die Idee kam, oder besser gesagt die Idee verwirklichte, die vernichtete Skulptur von Maurice Goldhaber zu ersetzen - nein, nicht zu ersetzen – neu zu erschaffen !!! Wiedergutmachen kann man jene vorgefallene Entwürdigung niemals wieder, aufarbeiten wohl auch nicht in absehbarer Zeit, aber man kann sich sehr wohl davon – Distanzieren – und mit der Neuerschaffung seines steinernen Ebenbildes konnte dies, glaube ich, gut zum Ausdruck gebracht werden.

Die Plastik sollte sich den noch vorhandenen Figuren künstlerisch bildgebend anpassen (was dem Künstler Eric Neukirchner auch gelungen sein dürfte), sie sollte sich aber auch von ihnen abheben, um auszudrücken, daß hier „mal was war“ – die Beurteilung, ob das gelungen ist, überlasse ich Euch.

Professor Goldhaber machte sich hochverdient mit einer ganzen Reihe von wissenschaftlichen Arbeiten und Forschungen auf dem Gebiet der Atomphysik und der Neutronen und der Kernspaltung wie der Kernfusion, er gilt zu Recht weltweit als eine der größten Koryphäen auf dem Gebiet der Atomphysik, aber ich möchte vordergründig daran erinnern, daß er stets und ganz explizit ablehnte, sich an der Nuklearwaffenforschung zu beteiligen, eine für mich logische Prämisse, denn nur so konnte er sein Fachgebiet in Übereinstimmung bringen mit seiner konfessionell geprägten Weltanschauung. Die unzähligen hochkarätigen Auszeichnungen und Ehrungen belegen die außerordentlichen Verdienste des intellektuell begnadeten Atomphysik-Genies.

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Am liebsten tot wollten ihn die braunen Lakaien der verhängnisvollen Hitler-Diktatur sehen, wie auch alle anderen seiner Glaubensbrüder einschließlich ihrer gesamten jüdischen Weltanschauung. Vernichten konnten sie zwar sein steinernes Ebenbild. Doch Hitlers auf tausend Jahre konzipiertes Reich wurde 12 Jahre alt, da erfüllt es mich mit Freude und Genugtuung, zu lesen, daß

Professor Dr. Dr. hc. Maurice Goldhaber am 18.4.2011 seinen 100. !! Geburtstag feiern konnte...

(Unter der langen Schlange der Gratulanten waren - hoffentlich – auch viele Deutsche, unter die ich mich - als winzig kleines Licht – freilich nur ganz hinten einreihen kann. Ganz vorn steht er aber auf meiner Favoriten-Liste, aus all den oben genannten Gründen.)

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Uploaded on May 17, 2011
Taken on May 14, 2011