Nummern und Nümmerchen in Chemnitz
Ne ne, nichts falsches denken. Aber im Ernst, habt Ihr Euch nicht auch schon manchmal gefragt, was die anderen kleinen Nummern und Nümmerchen neben der normalen Hausnummer – besonders an sehr alten Häusern – zu bedeuten haben? Hier zum Beispiel (Bildmitte) die Dresdner Straße, Hausnummer 42 ist klar, die Zahl 436 daneben war die sogen. Ortslistennummer ( Ortsl.-N° ), später bzw. in anderen Chemnitzer Vororten auch Brand Cataster Nummer ( Br-Cat.-N°) genannt.
Sie wurden vor mehr als 170 Jahren eingeführt und die gab es in jedem Ort bzw. Stadt nur einmal, so daß im Falle eines Brandes (oder auch für andere Belange) jedes Haus genau definiert war, da die Namen der Besitzer freilich wechselten. Je niedriger die Nummer, desto älter ist meist die Grundstücksbebauung, da die Nummern in der Reihenfolge der Anmeldung und damit der Fertigstellung vergeben wurden. Man muß natürlich die Ortsgrenzen der damaligen Zeit zugrunde legen. Wurde zwischen zwei Grundstücken ein weiteres eingefügt, so kam an die Ortslistennummer noch ein Buchstabe ran, wurde ein Grundstück geteilt, war der Buchstabe unterstrichen. Die römische Zahl dahinter gibt die Anzahl der brennbaren Gebäude auf dem Grundstück an (dazu zählten Remise, Schuppen, Hühnerställe, Scheunen usw. usf.), die Zahl darunter ist die Registriernummer bei der noch vor 1800 eingeführten Generalbrandkasse – spätere Immobilienbrandversicherungsanstalt, die das zur Vorschrift machte. Im Gegensatz zur Ortslisten-Nr. die Grund- und Boden-spezifisch war, stand die besagte Registriernummer (im engeren Chemnitzer Raum verwendete man hier die Eintragsnummer im Grundbuch) für ein ganz spezielles Gebäude. Das heißt, wenn ein Haus zerstört, abgebrannt oder abgerissen wurde und ein neues an derselben Stelle entstand, erhielt es zwar dieselbe Ortslistennummer, aber eine andere Grundbuchnummer (bzw. eben Brandversich. Reg.-Nr. ). Der Punkt, der an manchen Brandcatasternummern noch dabei ist, hat was mit Löschwasser- Entnahmemögl. zu tun, denn nicht jeder Ort hatte seine eigene Feuerwehr oder mußte bei Bränden Verstärkung anfordern, für die das dann ein wichtiger Hinweis war – und Brände gab es genug – ganz explizit im alten Chemnitz. Doch mit dem Anwachsen der Gebäudezahl und den immer wieder erfolgenden Eingemeindungen verloren die Ortslistennummern ihre Einmaligkeit und so wurde diese Art der Registrierung zu unübersichtlich, schließlich nummerierte man straßenweise neu durch, dabei in Kauf nehmend, daß die nun eingeführten Hausnummern eben in jedem Ort mehrfach vorkamen. Die Kombination von Haus- und Ortslistennummer war dann trotzdem haustypisch, so daß lange Zeit beides geführt wurde. Leider verschwinden immer mehr derartiger Multinummerierungen, nicht nur bei Abrissen, sondern auch bei Gebäudesanierungen, womit ein erheblicher Informationsverlust verbunden ist. Die noch vorhandenen alten Gebäude sind nämlich entsprechend ihres Entstehungszeitraumes auf die beschriebene Weise durchnummeriert und innerhalb eines Stadtteiles (also ehemaligen Vorortes) erlaubt dies eine näherungsweise Bestimmung des Baujahres alter Häuser, da sie in der Reihenfolge ihrer Anmeldung (und damit ihrer Fertigstellung) registriert wurden. Da an einigen Häusern jeden Stadtteils das Entstehungsjahr direkt dran steht, kann man sich durch interpolieren ein ungefähres Bild über die anderen Entstehungsdaten machen. Die obigen Foto-Objekte war die ersten, die mir damals bei einer Suche nach Beispielen „ins Auge fielen“. Nehmen wir also mal das mittige Beispiel, da verrät uns das alte Adreßbuch (und heute wieder als Reprint erhältliche Einwohnerbuch von 1940) daß hier einmal ein gewisser Herr Duderstädt gewohnt haben muß. Der Abgleich mit der identischen Ortslistennummer besagt, daß die Dresdner Straße 42 schon damals an der selben Stelle war (was durchaus nicht immer selbstverständlich ist) und die übereinstimmende Grundbuchnummer offenbart, daß es sich tatsächlich auch um dieselbe Villa handelt, welche Duderstädt einst bewohnte. Ja und ?? … Duderstädt … Duderstädt … da öffnen sich doch „Verknüpfungen“ - ja – genau der ist das, der Hugo Duderstädt, ein überaus bekannter und renommierter Chemnitzer Stadtbau-Architekt, gefragt auch noch weit außerhalb der Stadtgrenzen. Er entwarf u.a. die Handelslehranstalt gegenüber der Markthalle – heute medizinische Berufsfachschule – dort, wo Gravi einst lauter brennende Zigaretten zwischen den Lippen auf zwei Beinen entgegengerannt kamen, wie er uns neulich verriet
bei einem Kommentar zu Pingpongs tollem Bild vor besagter ehemaliger Handelslehranstalt (siehe Guesswhere) und was Duderstädt sonst noch so schuf, lohnt sich zu ergooglen. Daß man bei Duderstädt-Recherchen auch auf Rümmler & Mehner stößt, sollte nicht verwundern, sogar die (an sich sehr versierten) Wikipedianer kamen damit nicht ganz klar. Aber die häufigen und engen geschäftlichen Beziehungen zwischen Baufirmen und Architekten jener Zeit ließen es nicht ausbleiben, daß man auch private Anlässe gerne gemeinsam beging und so kamen sich auch Söhne und Töchter ganz „unmerklich“ immer näher, Gelegenheiten hierfür gab es anno dazumal außerhalb dessen ganz zweifellos sehr viel seltener als heute. Die über kurz oder lang damit einhergehenden „Versippungen und Verschwägerungen“ wurden jedoch nicht nur wohlwollend geduldet, sondern regelrecht gefördert.
Auf ständiger Suche nach Kunden trachteten nicht wenige Baufirmen ihr Image mit bekannten Architekten-Namen aufzupolieren und auch den legendären Hausbau-Projektanten war sehr daran gelegen, daß sie von besagten Baufirmen gegenüber interessierten Bauherren empfohlen wurden. Man verdankte sich praktisch gegenseitig die Existenz und war freilich recht erbaut, in diesem Rahmen das Töchterlein gut an den Mann und umgekehrt den Sohnemann (damals betrachtet als „Stammhalter“) vorteilhaft – für beide Seiten – an die Frau zu bringen. Rümmler & Mehnert, an sich über lange Zeit eine recht leistungsfähige Firma, übrigens nicht nur auf baugewerklichem Gebiet, versäumten es nicht, sich noch Jahrzehnte nach Duderstädts Tod mit dessen Namen zu „dekorieren“.
… - was doch so ein paar kleine und „scheinbar unscheinbare“ Nümmerchen nicht alles verraten können - …
laßt sie bitte dran, das ist mein Appell an alle !!!
links oben: Stelzendorfer Straße 266 - rechts oben: Augsburger Straße 75 - Mitte: Dresdner Straße 42 Ruine Villa Duderstädt - links unten: ehemaliger Gasthof zur Post Zwickauer Straße - rechts unten: Vermerk im Chemnitzer Adreßbuch 1940
Nummern und Nümmerchen in Chemnitz
Ne ne, nichts falsches denken. Aber im Ernst, habt Ihr Euch nicht auch schon manchmal gefragt, was die anderen kleinen Nummern und Nümmerchen neben der normalen Hausnummer – besonders an sehr alten Häusern – zu bedeuten haben? Hier zum Beispiel (Bildmitte) die Dresdner Straße, Hausnummer 42 ist klar, die Zahl 436 daneben war die sogen. Ortslistennummer ( Ortsl.-N° ), später bzw. in anderen Chemnitzer Vororten auch Brand Cataster Nummer ( Br-Cat.-N°) genannt.
Sie wurden vor mehr als 170 Jahren eingeführt und die gab es in jedem Ort bzw. Stadt nur einmal, so daß im Falle eines Brandes (oder auch für andere Belange) jedes Haus genau definiert war, da die Namen der Besitzer freilich wechselten. Je niedriger die Nummer, desto älter ist meist die Grundstücksbebauung, da die Nummern in der Reihenfolge der Anmeldung und damit der Fertigstellung vergeben wurden. Man muß natürlich die Ortsgrenzen der damaligen Zeit zugrunde legen. Wurde zwischen zwei Grundstücken ein weiteres eingefügt, so kam an die Ortslistennummer noch ein Buchstabe ran, wurde ein Grundstück geteilt, war der Buchstabe unterstrichen. Die römische Zahl dahinter gibt die Anzahl der brennbaren Gebäude auf dem Grundstück an (dazu zählten Remise, Schuppen, Hühnerställe, Scheunen usw. usf.), die Zahl darunter ist die Registriernummer bei der noch vor 1800 eingeführten Generalbrandkasse – spätere Immobilienbrandversicherungsanstalt, die das zur Vorschrift machte. Im Gegensatz zur Ortslisten-Nr. die Grund- und Boden-spezifisch war, stand die besagte Registriernummer (im engeren Chemnitzer Raum verwendete man hier die Eintragsnummer im Grundbuch) für ein ganz spezielles Gebäude. Das heißt, wenn ein Haus zerstört, abgebrannt oder abgerissen wurde und ein neues an derselben Stelle entstand, erhielt es zwar dieselbe Ortslistennummer, aber eine andere Grundbuchnummer (bzw. eben Brandversich. Reg.-Nr. ). Der Punkt, der an manchen Brandcatasternummern noch dabei ist, hat was mit Löschwasser- Entnahmemögl. zu tun, denn nicht jeder Ort hatte seine eigene Feuerwehr oder mußte bei Bränden Verstärkung anfordern, für die das dann ein wichtiger Hinweis war – und Brände gab es genug – ganz explizit im alten Chemnitz. Doch mit dem Anwachsen der Gebäudezahl und den immer wieder erfolgenden Eingemeindungen verloren die Ortslistennummern ihre Einmaligkeit und so wurde diese Art der Registrierung zu unübersichtlich, schließlich nummerierte man straßenweise neu durch, dabei in Kauf nehmend, daß die nun eingeführten Hausnummern eben in jedem Ort mehrfach vorkamen. Die Kombination von Haus- und Ortslistennummer war dann trotzdem haustypisch, so daß lange Zeit beides geführt wurde. Leider verschwinden immer mehr derartiger Multinummerierungen, nicht nur bei Abrissen, sondern auch bei Gebäudesanierungen, womit ein erheblicher Informationsverlust verbunden ist. Die noch vorhandenen alten Gebäude sind nämlich entsprechend ihres Entstehungszeitraumes auf die beschriebene Weise durchnummeriert und innerhalb eines Stadtteiles (also ehemaligen Vorortes) erlaubt dies eine näherungsweise Bestimmung des Baujahres alter Häuser, da sie in der Reihenfolge ihrer Anmeldung (und damit ihrer Fertigstellung) registriert wurden. Da an einigen Häusern jeden Stadtteils das Entstehungsjahr direkt dran steht, kann man sich durch interpolieren ein ungefähres Bild über die anderen Entstehungsdaten machen. Die obigen Foto-Objekte war die ersten, die mir damals bei einer Suche nach Beispielen „ins Auge fielen“. Nehmen wir also mal das mittige Beispiel, da verrät uns das alte Adreßbuch (und heute wieder als Reprint erhältliche Einwohnerbuch von 1940) daß hier einmal ein gewisser Herr Duderstädt gewohnt haben muß. Der Abgleich mit der identischen Ortslistennummer besagt, daß die Dresdner Straße 42 schon damals an der selben Stelle war (was durchaus nicht immer selbstverständlich ist) und die übereinstimmende Grundbuchnummer offenbart, daß es sich tatsächlich auch um dieselbe Villa handelt, welche Duderstädt einst bewohnte. Ja und ?? … Duderstädt … Duderstädt … da öffnen sich doch „Verknüpfungen“ - ja – genau der ist das, der Hugo Duderstädt, ein überaus bekannter und renommierter Chemnitzer Stadtbau-Architekt, gefragt auch noch weit außerhalb der Stadtgrenzen. Er entwarf u.a. die Handelslehranstalt gegenüber der Markthalle – heute medizinische Berufsfachschule – dort, wo Gravi einst lauter brennende Zigaretten zwischen den Lippen auf zwei Beinen entgegengerannt kamen, wie er uns neulich verriet
bei einem Kommentar zu Pingpongs tollem Bild vor besagter ehemaliger Handelslehranstalt (siehe Guesswhere) und was Duderstädt sonst noch so schuf, lohnt sich zu ergooglen. Daß man bei Duderstädt-Recherchen auch auf Rümmler & Mehner stößt, sollte nicht verwundern, sogar die (an sich sehr versierten) Wikipedianer kamen damit nicht ganz klar. Aber die häufigen und engen geschäftlichen Beziehungen zwischen Baufirmen und Architekten jener Zeit ließen es nicht ausbleiben, daß man auch private Anlässe gerne gemeinsam beging und so kamen sich auch Söhne und Töchter ganz „unmerklich“ immer näher, Gelegenheiten hierfür gab es anno dazumal außerhalb dessen ganz zweifellos sehr viel seltener als heute. Die über kurz oder lang damit einhergehenden „Versippungen und Verschwägerungen“ wurden jedoch nicht nur wohlwollend geduldet, sondern regelrecht gefördert.
Auf ständiger Suche nach Kunden trachteten nicht wenige Baufirmen ihr Image mit bekannten Architekten-Namen aufzupolieren und auch den legendären Hausbau-Projektanten war sehr daran gelegen, daß sie von besagten Baufirmen gegenüber interessierten Bauherren empfohlen wurden. Man verdankte sich praktisch gegenseitig die Existenz und war freilich recht erbaut, in diesem Rahmen das Töchterlein gut an den Mann und umgekehrt den Sohnemann (damals betrachtet als „Stammhalter“) vorteilhaft – für beide Seiten – an die Frau zu bringen. Rümmler & Mehnert, an sich über lange Zeit eine recht leistungsfähige Firma, übrigens nicht nur auf baugewerklichem Gebiet, versäumten es nicht, sich noch Jahrzehnte nach Duderstädts Tod mit dessen Namen zu „dekorieren“.
… - was doch so ein paar kleine und „scheinbar unscheinbare“ Nümmerchen nicht alles verraten können - …
laßt sie bitte dran, das ist mein Appell an alle !!!
links oben: Stelzendorfer Straße 266 - rechts oben: Augsburger Straße 75 - Mitte: Dresdner Straße 42 Ruine Villa Duderstädt - links unten: ehemaliger Gasthof zur Post Zwickauer Straße - rechts unten: Vermerk im Chemnitzer Adreßbuch 1940