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Sie haben mein Lächeln eingefangen

"Halloh!"

 

"Halloh."

 

"Ich hab eine Frage: Darf ich Sie zeichnen?"

 

"Mich zeichnen? Jetzt gleich?"

 

"Jetzt und hier."

 

"Ach je. Bin ich die Mona Lisa?"

 

"Quatsch, viel schöner."

 

"Ach vielen Dank, das tut gut."

 

"Gern geschehen. Das werte ich mal als Ja."

 

"Gut, einverstanden. Warum nicht? Zeichnen Sie mich!"

 

"Ich seh, Sie gehen alleine spazieren. Aus Neigung?"

 

"Ja, ich bin gerne mal alleine."

 

"Stör ich Sie bei etwas?"

 

"Nö, ich hätte ja nicht anhalten müssen. Sie machen mir ja ein großes Kompliment."

 

"Ja, da haben Sie recht."

 

"Ich weiß es zu schätzen. Soll ich denn was Bestimmtes machen? Arme hoch, Hüfte rausstellen, Füße hoch, irgendsowas?"

 

"Freundlich gucken."

 

"Na, das schaff ich."

 

"So ist schon gut. Zehen machen wir dann in einem halben Jahr, im Sommer."

 

"Sie sind ein Optimist."

 

"Eigentlich gar nicht. Wollen wir uns vielleicht setzen?"

 

"O je, wie lange wird's denn dauern?"

 

"Ich mach schnell. Eher so Skizze. Und besser einen Alternate Take."

 

"Ich seh schon. Setzen wir uns hier? Aufs Mäuerchen?"

 

"Hier ist gut. Schöner Hintergrund."

 

"Ahhh, ja. Und schönes Panorama."

 

"Mehr ins Profil, geht das?"

 

"So?"

 

"So ist klasse. Wir können uns gern unterhalten, dann seh ich Ihre Mimik."

 

"Ich kann Sie zulöchern? Ernsthaft?"

 

"Mit Anlauf und Karacho. Da bin ich nicht so. Wir kennen uns ja kaum."

 

"Ihre Logik gefällt mir."

 

"Was für Logik?"

 

"Sophist."

 

"Hab ich schon mal gehört."

 

"Dann: Sind Sie Profi? Zeichner, Grafiker, irgendwas Bildnerisches?"

 

"Um Gottes willen. Ich mach das rein zur Gaudi. Erwarten Sie nix."

 

"Dann: Sind Sie ein Fetischist?"

 

"Was für ein Fetisch denn?"

 

"Füße. Haben Sie einen Fußfetisch?"

 

"Och..."

 

"Ohne Ihnen zu nahe zu treten."

 

"Wie kommen Sie drauf?"

 

"Gesprochen hab ich von meinen Armen und von meiner Hüfte. Geantwortet haben Sie auf meine Füße. Sogar 'Zehen' haben Sie gesagt."

 

"Sehr aufmerksam."

 

"Mögen Sie drüber sprechen?"

 

"Ich mag Füße. Ja. Und ich schau auch drauf."

 

"Können Sie ruhig sagen. Ich find das nichts Schlimmes."

 

"Und ich hab viel Zehenzeichnen geübt."

 

"Find ich voll in Ordnung."

 

"Ganzes Skizzenbuch voll. Typen, Perspektiven, Stellungen, Techniken."

 

"Das würde ich gerne anschauen. Da gibt's weit befremdlichere Trips. Danke für Ihre Offenheit."

 

"Sehr schöne Hände haben Sie. Auffallend schön. Wow."

 

"Nicht wahr? Vielen Dank."

 

"Darum tragen Sie keine Handschuhe."

 

"Kein Optimist, aber ein Beobachter."

 

"Schon eher. Besitzen Sie dann überhaupt Handschuhe?"

 

"Gute Frage. Ja, ich besitze ein Paar besonders edle. Hölle, waren die teuer."

 

"Handgegerbtes Schweinsleder?"

 

"Ja, voll dekadent. Himmlisch weich sind die."

 

"Und werden seit Jahren geschont."

 

"Sind für wirklich klirrende Kälte."

 

"Und große Momente."

 

"So wie Sie sich wahrscheinlich auch vorstellen können, dass in dicken Wollstrümpfen hübsche Füße drin sind."

 

"Vorstellen. Kann ich mir viel."

 

"Sie machen das ganz gut, eigentlich. Sie gucken einfühlsam."

 

"Das dient dem Motiv."

 

"Mhm! Man fühlt sich wohl unter Ihrem Blick."

 

"Ja, ich merk schon. Ich spür sowas rüberkommen."

 

"Ich sitze jetzt hier richtig gern mit Ihnen. Entspannend."

 

"Das ist fein."

 

"Hach! Gezeichnet werden! Hihi!"

 

"Stimmt, warum machen wir das nicht viel öfter?"

 

"Ja, warum eigentlich nicht? Ich bin schon gespannt, was Sie können."

 

"Darf ich mal persönlich werden?"

 

"Sind wir doch längst. Nun?"

 

"Was macht die Liebe? Stehen Sie in einer Beziehung?"

 

"Ja."

 

"Vielleicht zeichne ich Sie dann mal in Beziehung zu Ihrem Freund..."

 

"Meinem Mann."

 

"Oha. Wie lange sind Sie schon verheiratet?"

 

"Zehn Monate. Gestern auf den Tag genau. Wir feiern noch die Monate."

 

"Meinen Glückwunsch."

 

"Danke. Und wie ist es mit Ihnen? Haben Sie jemanden?"

 

"Eine Frau?"

 

"Vielleicht auch einen jungen Mann?"

 

"Schon eine Frau."

 

"Eine Frau an Ihrer Seite, deren Füße Sie mögen?"

 

"Die vor mir demonstrativ barfuß geht, wenn sie mit mir schlafen möchte, der ich die Zehennägel lackieren und Gesichter auf die Fußsohlen malen darf, mit der ich immer bei Wolford Fishnets einkaufen geh, der ich jeden Sommer schicke Sandalen schenk?"

 

"Ja! Ja! All sowas! Hm?"

 

"Nein, nein, so ist das nicht bei uns. Sie hat die hübschesten Füße der Stadt, aber sie mag sie nicht."

 

"Sie verbirgt ihre Füße?"

 

"Kann man so sagen."

 

"Schade!"

 

"Wo ist Ihr Mann heute?"

 

"Der singt im Chor. Die haben heut Probe."

 

"Cool, Chorsingen."

 

"Alte Musik, meistens geistlich. Bach und Händel und Kantaten und Oratorien und so."

 

"Sie singen nicht mit?"

 

"Nee, ich hab's versucht. Ich kann das nicht."

 

"Sie haben doch eine ganz angenehme Stimme? Schön fest."

 

"Das ist das Problem! Das klirrt beim Singen. Und für Alt gibt's bei Bach sowieso nicht viel zu tun."

 

"Sie lassen sich dann immer so lange abzeichnen."

 

"Malen Sie mich halt als Sopran."

 

"Jaja, die Wangenknochen sind eindeutig Sopran."

 

"Soll ich noch lange die Mundwinkel hoch?"

 

"Moment noch... Fertig."

 

"Darf ich sehn?"

 

"Sicher."

 

"Oh! Hey! Schön! Echt jetzt!"

 

"Gefallen Sie sich?"

 

"Unbedingt. Sie können beobachten. O Gott, schauen Sie doch, das Lächeln! Sie haben mein Lächeln eingefangen!"

 

"Ich weiß."

 

"Hab ich so einen runden Hinterkopf?"

 

"Ja, haben Sie. Das sieht sehr weiblich aus. Fraulich. Weiß nicht. So... rund halt."

 

"Ist toll geworden. Kann ich's haben?"

 

"Nicht so gern, das Original. Aber ich mach einen Scan, den schick ich Ihnen gern digital."

 

"Da brauchen Sie meine Mailadresse."

 

"Wäre sinnvoll. Wenn Sie die hergeben."

 

"Klar, weil Sie der international gesuchte Triebtäter mit der großen Spamschleuder sind."

 

"Huuuuu!"

 

"So, da haben Sie meine Yahoo. Die frag ich sogar noch ab."

 

"Die Masche merk ich mir."

 

"Das wäre nicht mal die schlechteste."

 

"Danke. Das war echt lieb von Ihnen. Dankeschön."

 

"Hab ich gern gemacht. Ich danke Ihnen."

 

"Sie mir? Für was?"

 

"Für die Komplimente. Für Offenheit. Fürs Hinschauen. Fürs Erkennen und Aufzeichnen."

 

"Klingt viel."

 

"Sehn Sie? Und im Sommer müssen Sie noch meinen Mann und mich zeichnen."

 

"Das meinen Sie ernst? Mach ich glatt, wenn Sie mich da noch kennen."

 

"Wenn Sie's bald scannen und schicken?"

 

"Damit Sie's Ihrem Mann zeigen können?"

 

"Klar will der's auch sehn. Und ich will's mit ihm teilen. Wir wünschen uns schon länger ein Paarportrait."

 

"Ein Doppelportrait?"

 

"Paarportrait. Weil wir ein Paar sind, weil man uns darauf als Paar erkennen soll."

 

"Das Ehepaar, das Sie bilden."

 

"Genau, sowas, ich glaub, Sie verstehen mich. In Beziehung zueinander. Unsere Beziehung, als Bild."

 

"Warum gehn Sie nicht zum Fotografen?"

 

"Nein, das ist nicht das. Jetzt frag ich Sie: Würden Sie uns beide zeichnen?"

 

"Das ehrt mich jetzt aber. Klingt hochinteressant, so als Motiv."

 

"Das mein ich aber auch. Ganzkörper, können Sie das?"

 

"Krieg ich hin."

 

"Muss gar nicht auf den ersten Versuch klappen. Wir halten still."

 

"Ja, würd ich machen. Verschlungen, Ihre zwei Körper?"

 

"Hm, ja, sicher, das wird bestimmt eine Version. Ich hab so eine Idee..."

 

"Hat Ihr Mann auch eine Idee?"

 

"Ja. Eine andere."

 

"Versteh schon."

 

"So lange könnt ich so eine Pose auch gar nicht stillhalten:"

 

"Ich hab Sie schon verstanden."

 

"Ja, Sie verstehen es."

 

"Nackt ist übrigens leichter als angezogen. Anatomie hat man trainiert, Kleiderfalten sind jede Minute anders."

 

"Schon klar. Unterwäsche, okay?"

 

"Das geht. Ein Bild Ihrer zehn Monate alten Liebe."

 

"Zusammen sind wir seit über fünf Jahren."

 

"Ui, Respekt."

 

"Das müssten Sie ausdrücken."

 

"Hm... Notfalls in mehreren Sitzungen?"

 

"So viele wir brauchen. Dazu verdonner ich meinen Mann jetzt einfach."

 

"Wird er sich aber freuen."

 

"Doch, wird er!"

 

"Wissen Sie was? Da freu ich mich drauf. Ich mach den Scan, dann schreib ich Ihnen an Ihr Yahoo, dann machen wir den ersten Termin."

 

"Ja, genau so. Bitte."

 

"Mach ich, versprochen."

 

"Da freu ich mich drauf."

 

"Ich muss wieder."

 

"Scannen?"

 

"Das auch."

 

"Ja, ich muss auch."

 

"Hat mich gefreut."

 

"Mich erst. Ich hör von Ihnen, ja?"

 

"Ja, aber sowas von! Danke nochmal."

 

"Schönen Abend, ne?"

 

"Schönen Abend Ihnen. Grüße an Ihren Mann, unbekannterweise."

 

"Sag ich ihm. Der ist auch ein Fußfetischist."

 

"Ah, drum."

 

"Ja, ich kenn das. Ein-, zweimal im Jahr muss ich im Schnee barfuß laufen für ihn."

 

"Bestimmt sehr gesund."

 

"Sie werden lachen: Ja, das ist gesund. Wenn der Körper sonst durchgewärmt ist und Sie die Füße danach gleich trocknen und warm einpacken."

 

"Frage. Lackieren Sie sich da die Zehennägel auch im Winter?"

 

"O ja, und ob, wöchentlich, in allen Farben! Und er knotet mir jeden Monat ein neues Knöchelbändchen um."

 

"Zu den Monatsjubiläen."

 

"Ja, richtig. Und ich trage Zehenring. Wehe, wenn nicht!"

 

"Heute?"

 

"Jetzt und hier."

 

"Und das neue Knöchelband seit gestern Abend."

 

"Sie sind kein Beobachter. Sie sind ein Durchschauer."

 

"Wenn's geht. Sie hören sehr bald von mir."

 

"Wusste ich."

 

"Danke und schönen Abend."

 

"Danke und schönen Abend."

 

"Tschü-üs!"

 

"Tschü-üs!"

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Uploaded on January 30, 2012
Taken on January 29, 2012