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ein paar Stunden Hamburg im Regen

für meine Silke die beim entstehen mitgeholfen hat

 

Der Spiegel

 

 

Zweiundvierzig Jahre lang war die Zentrale des SPIEGEL in einem schlichten Hochhaus untergebracht, einem Skelettbau aus Glas und Stahlbeton, gerade mal 8226 Quadratmeter groß.

 

In den ersten Jahren war in diesem Haus noch Platz für ein Schwimmbad, um das die schönsten Legenden kreisen. Die Kantine, die der dänische Designer Verner Panton extremistisch bunt gestaltet hatte, machte das Haus berühmt. Immer wieder wurde die Kantine von Filmfirmen als Drehort genutzt, zum Beispiel, wenn eine zwielichtige Kulisse für einen Nachtclub gesucht wurde.

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Doch schon in den achtziger Jahren wurde es zu eng. SPIEGEL TV musste 1988 in das nahe gelegene Chilehaus ziehen, und 1995 wurde ein zusätzliches Hochhaus angemietet. Das Unternehmen expandierte - im Jahr 2000 zog auch SPIEGEL ONLINE in ein eigenes Haus. Und das Schwimmbad verwandelte sich in ein Archiv, um das sich keinerlei Legenden bildeten.

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2007 lud die Geschäftsführung des SPIEGEL-Verlags gemeinsam mit der Robert Vogel GmbH - dem Investor und Vermieter - 14 Architekturbüros zu einem Wettbewerb ein. Aufgabe: ein gemeinsames Zuhause für alle Redaktionen der SPIEGEL-Gruppe.

 

Jetzt ist das Haus fertig, am vergangenen Wochenende ist der SPIEGEL eingezogen. Das neue Haus liegt an der Ostspitze der HafenCity, nur fünf Minuten zu Fuß entfernt vom alten.

 

Mit 30.000 Quadratmetern ist das neue SPIEGEL-Haus eines der größten der Stadt. Geplant wurde das 61 Meter hohe Gebäude vom dänischen Architekturbüro Henning Larsen, das auch die Kopenhagener Oper entworfen hat. 13 Stockwerke, verglast, die Fenster in weißes Metall eingefasst. Die Fassaden wirken rasterartig streng, zum Norden aber öffnet sich das Haus. Die Architekten nennen es "Fenster zur Stadt".

 

Im Inneren: ein haushohes Atrium, umspannt von Galerien und durchzogen von neun Treppen und vier Brücken. Auch hier wollten die Architekten ein Bild schaffen: Vernetzung, Transparenz, Kommunikation.

 

Die Redaktion von SPIEGEL ONLINE ist ins oberste Stockwerk gezogen, in ein Großraumbüro. Die Redakteure des Print-SPIEGEL, des manager magazins, von manager magazin Online und die Kollegen von SPIEGEL TV sitzen in den Stockwerken darunter.

 

Reminiszenzen an frühere Zeiten

 

In der fünften Etage befindet sich eine Snackbar, in der Stilelemente der alten Kantine wiederaufgenommen sind: bunte Wandleuchten, violette Stoffprismen und Pendellampen in Orange und Lila. Wegen der Reminiszenzen an frühere Zeiten ist dies der geeignete Ort, um Jungredakteure mit den Sagen und Mythen der SPIEGEL-Historie vertraut zu machen.

 

Im Erdgeschoss, mit einer Terrasse zum Wasser, liegt die neue Kantine. Die Stuttgarter Designer Peter Ippolito und Gunter Fleitz hatten den Wettbewerb für die Ausstattung gewonnen, sie wollten einen hellen Raum, ließen einen weißen Terrazzoboden gießen und entwarfen eine Akustikdecke mit 4300 kleinen Aluminiumtellern, die das Licht matt reflektieren.

 

Ericusspitze 1, das ist die neue Adresse. Benannt ist dieser Ort nach dem Hamburger Senator Erich Soltau, der sich um des besseren Klanges willen Ericus Soltow genannt hat und von 1548 bis 1632 lebte.

 

In seiner Amtszeit brach der Dreißigjährige Krieg aus. Hamburg ließ am Wasser Festungsanlagen bauen, und die Bastion, die am weitesten im Südosten lag, hieß dann Ericus-Bastion. Noch heute ist die Ericusspitze auf zwei Seiten von Wasser umgeben.

 

Sie gehört zur HafenCity, einem der größten Stadtentwicklungsprojekte Europas. Wie in Barcelona und London soll auch die Hamburger Innenstadt näher ans Wasser rücken.

 

An den Ufern der Elbe entsteht ein neues Innenstadtviertel mit Büros, Läden und Wohnungen und mit der Elbphilharmonie an seiner Westspitze. Die Stadtplaner wollen in der HafenCity das Leitbild der verdichteten Innenstadt umsetzen, in der alles auf engem Raum beieinanderliegt.

 

Renaissance der Innenstädte

 

Im Jahr 2007 hatten die für Stadtentwicklung zuständigen EU-Minister die Charta von Leipzig verabschiedet, in der sie die Renaissance der Innenstädte zum zentralen Ziel erklärten und damit endgültig mit dem Leitbild der funktionalen Stadt abschlossen, das der Architekt Le Corbusier 1933 in der Charta von Athen formuliert hatte.

 

Le Corbusier wollte das Wohnen, Arbeiten und Einkaufen voneinander trennen und luftige Stadträume schaffen. Doch es stellte sich heraus, dass die dezentrale Stadt Dreck und Stress erzeugt, im Wesentlichen durch den Autoverkehr: Die Bewohner pendeln - vom Industrieviertel zum Wohnquartier und dann wieder zu den Einkaufsmeilen der Innenstadt.

 

Die verdichtete Stadt gilt als umweltfreundlicher. Und in der a

 

fenCity sollen auch die Gebäude nach ökologischen Maßstäben errichtet werden. Das SPIEGEL-Haus ist, wie es im schönsten Behördendeutsch heißt, für das Umweltabzeichen in Gold "vorzertifiziert".

 

Es kommt ohne konventionelle Heizung und Klimaanlage aus. Die Fenster sind dreifach verglast, das Gebäude wird über Geothermie gekühlt und gewärmt, 70 Erdsonden in bis zu hundert Meter Tiefe regulieren die Temperatur. Photovoltaikanlagen liefern einen Teil des Energiebedarfs.

 

Am Montag der vergangenen Woche erklärte Ferdinand Räthling, beim SPIEGEL für die Immobilien zuständig, den versammelten Redakteuren die Technik des noch unvertrauten Gebäudes. Die Redakteure erfuhren, dass die Beleuchtung ihrer Büros abhängig sein wird von den Lichtverhältnissen draußen und auch abhängig davon, ob sie sich im Raum befinden: "Sollten Sie sich eine Weile nicht bewegen, schaltet sich das Licht von selber aus."

 

Wenn Journalisten sich nicht bewegen, geht das Licht aus. Es war wohl richtig, umzuziehen.

 

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Uploaded on November 10, 2020
Taken on September 5, 2019