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Eine andere Welt

Am 26. Mai 1959 wurde bekannt gegeben, dass die Olympischen Sommerspiele 1964 in Tokyo ausgetragen werden sollten. Schnell musste also ein ausgeklügeltes Transportmittel geschaffen werden. Man entschied sich für ein Hochgeschwindigkeitszugkonzept. Dass genau dieses später weltweit richtungsweisend werden würde, hatte wohl kaum jemand auf dem Schirm.

So entwarf Hideo Shima eine 515 Kilometer lange Schnellzugstrecke zwischen Tokyo und Osaka, welche zuerst mit 200 km/h befahren werden konnte. Diese Geschwindigkeiten erreichten die flugzeugrumpfähnlich aussehenden Series-0-Shinkansen zum 1. Oktober 1964 das erste Mal planmäßig. Die Reisezeit von Tokyo nach Osaka betrug nun 4 Stunden. Damit war der Tokaido Shinkansen 11 Jahre früher eröffnet als die Direttissima (Italien, 1977), 15 Jahre früher als der LGV Sud-Est (Frankreich, 1981) und ganze 25 Jahre früher als unsere deutsche SFS Hannover–Würzburg (1991).

Das flugzeugrumpfähnliche Design war von Anfang an vorgesehen. Man wollte das Gefühl des Flugreisens nachstellen, was – kleiner Spoiler – auch mit den neueren Shinkansen super funktioniert hat. So hat jeder Sitzplatz sein eigenes Fenster – wie im Flugzeug –, im Innenraum gibt es Wandpaneele – wie im Flugzeug –, und der Zug ist zudem auch noch richtig schnell – wie das Flugzeug.

Doch zurück zur Geschichtsstunde, der Tagesbericht folgt weiter unten.

Somit war der Tokaido Shinkansen die erste Schnellfahrstrecke der Welt. Der Streckenverlauf ist heutzutage wie damals, nur in der Gegenwart liegt die planmäßige Streckengeschwindigkeit bei 285 km/h. Die Geschwindigkeit wurde mit dem Aufrüsten und der Beschaffung von Neufahrzeugen sukzessive erhöht, womit sich die Reisezeit von oben genannten 4 Stunden auf 2 Stunden und 15 Minuten fast halbierte.

Die Strecke hat übrigens den Namen „Tokaido“ erhalten, da sie auf den Spuren der alten Post-/Handelsstraße zwischen dem damaligen Edo (heute Ballungsgebiet Tokyo) und Osaka verläuft.

Abschließend möchte ich noch auf das Schienensystem in Japan eingehen: Bei meinem Besuch – vor allem in Tokyo – sind mir so ziemlich alle eisenbahnähnlichen Transportmittel aufgefallen. Von Schmalspur bis hin zur Schwebebahn war hier alles geboten. Die meisten Streckenkilometer in Japan sind Schmalspurstrecken (1067 mm), während die Shinkansen-Gleise von Anfang an in Normalspur (1435 mm) gebaut wurden, was das Hochgeschwindigkeitsnetz vom Rest der Züge abkapselt. So entsteht ein ganz eigenes Netz – die elementare Grundvoraussetzung für den Shinkansen.

Erwähnt sei hier auch, dass in Japan links gefahren wird, wie auf der Straße.

Zu guter Letzt habe ich noch einen trockenen Zahlenfakt vorbereitet: Den Tokaido Shinkansen nutzen täglich knapp 400.000 Menschen, verteilt auf 380 täglich verkehrende Shinkansen-Züge. Das ist einmal das ganze italienische Turin, was täglich allein nur mit dieser Shinkansen-Linie fährt – lasst es auf euch wirken.

 

30. September 2025 – Weit weg von Maultaschen und Spätzle – Tokyo Ueno Station

Da war ich nun also, im siebtgrößten Eisenbahnbahnhof nach Passagierzahlen – und heute bin ich einer der Millionen, die sich täglich auf die Gleise drängen.

Ein Himmelfahrtskommando? Keinesfalls. Binnen Minuten war die Nutzung sowie Freischaltung der digitalen Fahrkarte auf dem mobilen (in Japan überlebenswichtigen) Endgerät erfolgt, und es konnte sich in die Tokyo Metro gestürzt werden. Jene wurde nach anfänglichen Schwierigkeiten mit treuer Hilfe von ChatGPT und Apple Maps auch gemeistert.

Und so landen wir wieder am 30. September 2025. Um ganz genau zu sein, stehen wir gerade vor dem Haupteingang – um 7:30 Uhr. Schnell wurden ein paar kulinarische Highlights in atemberaubend sauberen Bahnhofsstores eingekauft, und es ging auf die große Suche nach dem richtigen Gleis. Dort angekommen, rollte der Zug der Tokaido-Linie ein – kein spontaner Gleiswechsel, keine Verspätung, kein Garnichts.

Als ich mich dann aber in einem „Mildly Airconditioned“-Wagen wiederfand, dachte ich, ich habe alles gesehen. An die gespenstische – und in Deutschland sehr willkommene – Stille im Zug hatte ich mich in den Vortagen schon gewöhnt, an "Women-only"-Wagen jedoch nicht.

Auf die Tokaido-Line (welche man übrigens im rechten Bildrand sieht) werde ich in einem anderen Beitrag zu sprechen kommen – sonst wird der Rahmen komplett gesprengt.

Nach einer Stunde war man im weltbekannten Ishibashi angelangt – bei 40 Grad im Schatten eine Probe für Mensch und Maschinerie. Gegen Mittag, als das Licht frontal auf der Gleisachse stand, knurrte der Magen. Ich wagte mein Glück im gut 8000 Schritte entfernten Hafen von Hayakawa – und wurde schnell fündig. Ein Sushi-Restaurant ist es geworden. Dank japanischem Top-Service war man gleich bestens versorgt und konnte gemütlich bei einem wahren Schmakofatz warten, bis sich das Licht richtig drehte.

8000 Schritte und 3 Stunden später war man wieder in den Hanglagen von Ishibashi. Es war wohl eine der stressigsten Stellen, an denen ich jemals war – letztendlich rollen hier die Züge praktisch parallel und fotogen im 7-Minuten-Takt über beide Brücken. Nach viel Hin- und Hergerenne legte ich gegen Spätnachmittag meinen Fokus auf die Shinkansen in Richtung Nagoya.

Bei jetzt „nur noch“ knappen 36 Grad im Schatten machte ich es mir gemütlich und genoss den Meeresgeruch des Pazifiks.

Die Sonne geht in Japan verhältnismäßig früh unter, somit war ab 16:30 Uhr Schluss mit Fotografieren, und es wurde der Heimweg nach Tokyo angestrebt. Bevor die Sonne aber alles in Schatten legte, störte ein Nazumi für ein paar Sekunden die Szenerie, ehe er gleich im nächsten Tunnel verschwand, um seine Fahrt Richtung Nagoya fortzusetzen. Später, In Tokyo angekommen war man 31.000 Schritte reicher – beklaut hatten mich die Japaner mit meiner Zeit allerdings nicht, denn jeder Zug an diesem Tag war pünktlich – シャポー!

 

In diesem Textbeitrag habe ich mal etwas anderes probiert: viele harte Fakten auf einmal, viele Perspektivwechsel – ich hoffe trotzdem, es hat euch gefallen.

Weitere Japanbilder folgen in naher Zukunft.

 

 

 

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Uploaded on September 30, 2025
Taken on August 31, 2025