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Zwillinge? Nein eher Mutter und Tochter.

 

 

Es hat ein paar Tage gedauert. Aber nun ist sie da. Die Neue. Aber eigentlich ist die Neue eine Alte.

Ich habe mir eine alte Ikonta 521/2, die Urmutter der Ercona 1 und der Mockva 1, geleistet.

Sie hat exakt das gleiche Objektiv wie meine Ercona. Eigentlich sieht sie auch genauso aus wie meine Ercona. Deshalb habe mich für sie entschieden.

Vor einigen Jahren zeigte mir ein Kunde seine Kameraschätze.

Darunter befand sich auch eine Ikonta 521/2.

Mit großem Erstaunen sah ich die Ähnlichkeit der Ikonta mit meiner Ercona. Mal von Verschluss und Objektiv abgesehen würde ich sagen dass die beiden Kameras baugleich waren.

Nun, der Kunde hatte nicht die Absicht seine Ikonta zu verkaufen. Und ich wollte die Ercona noch nicht reaktivieren.

Damals hatte ich noch keine Ambitionen bezüglich meiner Mittelformatkameras.

Weder die Flexaret noch die Ercona waren auf dem Schirm.

Mittlerweile hatte sich das geändert.

Ich fotografierte wieder im Mittelformat mit Rollfilmen.

Gelegentlich nutzte ich die Flexaret und einmal war auch die Ercona wieder im Einsatz.

Nun erweiterte eine Ikonta meine Mittelformat – Ausrüstung.

Grund genug die beiden Klappkameras miteinander zu vergleichen.:

Und wieder war ich, als ich den Karton auspackte, darüber verblüfft, wie sehr sich die beiden Kameras ähnelten.

Die „Beste aller Lebensgefährtinnen“ wird wohl keinen Unterschied erkennen solange sie die beiden Kameras nicht zusammen sieht.

Und das sollte sie auch demnächst nicht. Denn das könnte Ärger geben.

Wenn man fragt, welche Kamera nun das Original sei, kann man mit Fug und Recht sagen: Beide.

Denn Beide sind Zeiss Ikon – Produkte und basieren auf den gleichen Konstruktionsunterlagen.

Das hier war wieder mal ein typisches Problem der Nachkriegszeit und der deutschen Teilung.

Ein Produkt wurde noch vor oder im Krieg entwickelt und dann später in beiden deutschen Teilen gebaut.

Sowohl in den westlichen Besatzungszonen als auch in der Sowjetischen Besatzungszone existierten Zeiss Ikon – Werke.

Die Ikonta 521/2 gab es bereits seit 1938. Sie wurde in Stuttgart gebaut und dort auch nach dem Krieg weiter produziert.

Soweit ich weis erschien die erste Ercona 1948. Sie wurde in Dresden auf Grundlage der Ikonta 521/2 entwickelt. Da man damals im Dresdner Zeiss Ikon Werk keine Klappkameras herstellte musste eigens für die Ercona eine Fertigungsstrecke eingerichtet werden.

Wenn überhaupt dann könnte man aufgrund dieser Fakten die Ercona als Kopie betrachten.

Doch so einfach war das nicht. Denn Zeiss Ikon war erstmal Zeiss Ikon. Und das unabhängig von der Besatzungszone.

Sowohl Zeiss Ikon Stuttgart als auch Zeiss Ikon Dresden hatte das dazu notwendige Knowhow und die Konstruktionsunterlagen. Die Rechte am Produkt mussten geklärt werden.

Und diese Situation entwickelte sich im Laufe der Jahre zu einer mitunter skurrilen Katzbalgerei.

Was ich hier schreibe ist natürlich in erster Linie ein „Nachplappern“ von dem, was ich gehört und gelesen habe. Ich bin kein Zeitzeuge.

Mein Wissen über diese Zeit verdanke ich hauptsächlich Gesprächen mit Zeitzeugen.

Und als Solche wären da mein Vater, mein Fotozirkelleiter Herr Teuscher und mehrere Unterstufen-Lehrerinnen zu nennen. Sehr oft erzählten sie mir von der verrückten Nachkriegszeit.

Und ich habe mit großem Interesse zugehört.

Dass die Leutchen gar nicht so falsch lagen konnte ich später beim Studium diverser Fachliteratur und Websites feststellen.

Vergleichen wir nun mal meine Neuerwerbung mit dem Bestand.

Neben „Omas Plattenkamera“ war meine Ercona die älteste Kamera in unserem Arsenal.

Vater kaufte sie um 1950 herum. Das genaue Baujahr weiß ich nicht. Aber es handelt sich bei unserer Kamera schon um die Zweiformat Ausführung. Und die gab es erst in den 1950-ern.

Wenn nun die Ercona schon alt war so vermute ich bei der Ikonta jedoch ein noch älteres Baujahr.

Laut meiner Internetrecherche kam die Kombination Compur-Zentralverschluss mit dem Novar 4.5/11 cm eher bei den Vorkriegs-Ikontas vor.

Somit kann es durchaus sein dass meine Ikonta aus dem Jahre 1938 stammt.

Für eine vermutlich 86-Jährige wirkte sie bemerkenswert rüstig.

Als ich den Compur mit ein paar „Leerschüssen“ testete, war ich schon wieder verblüfft.

Der Auslöser ging butterweich.

Bei der Ercona war das Auslösen eine hartgängige, hakelige Angelegenheit die oft zu Verwackeln führte.

Nach der Erkenntnis, dass das Parallelprodukt butterweich auslöste, saß ich erstmal eine halbe Stunde mit Ölkännchen und Tupfer bewaffnet an meiner Ercona.

Und siehe da. Als ich alle beweglichen Teile des Auslösergestänges gereinigt und geölt hatte ging die Sache deutlich leichter.

Ein bisschen straffer ging die Ercona trotzdem noch. Doch das lag wahrscheinlich an dem Selbstspannverschluss.

Mein Vater hatte damals seine Ercona in der denkbar einfachsten Ausführung gekauft.

Die Kamera war mit einen Selbstspannverschluss Junior der Gebrüder Werner aus Tharandt und einem Novar 4.5/11cm ausgerüstet.

Der Verschluss hat nur 3 Belichtungszeiten und B. Für die damalige Zeit war das nicht unüblich. Aber es war eben nicht gerade viel.

Einerseits hatte Vater als junger Mann noch nicht so viel Geld zur Verfügung. Andererseits wird er auch nichts Besseres bekommen können.

Damals musste man nehmen was man kriegen konnte.

Der Zentralverschluss an meiner Ikonta entsprach da schon eher meinen Vorstellungen.

Der Compur musste zwar separat aufgezogen werden. Doch das war ich vom Vebur an meinen Beltica und an der Certo gewohnt.

Wichtig war, dass er ein ähnliches Spektrum an Belichtungszeiten hatte wie der Prontor SVS an meiner Flexaret bzw. die eben genannten Vebur Zentralverschlüsse.

Ich glaube, dass ich mich für diese Ikonta entschieden habe, werde ich nicht bereuen.

Sie hat das gleiche Objektiv wie die Ercona aber einen besseren Verschluss.

Trotzdem gefällt mir optisch die Ercona mit ihrem kegelförmigen Zentralverschluss einen Tick besser.

Doch das ist vielleicht der Gewohnheit geschuldet.

Die Handhabung der beiden Kameras ist ähnlich aber nicht gleich. Der Compur an der Ikonta muss immer separat gespannt werden. Und am Fokusring fehlt die Tiefenschärfetabelle.

Damit gehörte die Ikonta zu meinen „ Schätzchen“. Die Ercona verwöhnte mich damit dass ich auf den Verschluss nicht achten brauchte weil der sich selbst aufzog.

Das schätzte ich auch an der Flexaret. Auch wenn man es hier technisch anders gelöst hatte.

Am Fokusring der Ercona befindet sich eine Tiefenschärfetabelle.

Mit dieser Kamera lernte ich das hyperfokale Scharfstellen. Faktisch bei allen, der Ercona folgenden Kameras, setzte ich meist diese Fokussiertechnik ein.

Sowohl bei der Ikonta als auch bei der Ercona wurde als Objektiv das Novar 4.5/11cm verbaut.

Ich hatte beim Kauf der Ikonta darauf geachtet, dass ich ein identisches Objektiv bekam. War es bei der Ikonta offensichtlich so konnte man auch bei der Ercona davon ausgehen dass das Objektiv noch aus Vorkriegsbeständen stammte.

Eigentlich habe ich keine so große Meinung vom Novar 4.5/11cm.

Ein Tessar in Kombination mit einem Tempor - Zentralverschluss wäre mir an der Ercona lieber gewesen.

Aber weder eine Ikonta noch eine Ercona sind, mit einem Tessar ausgerüstet, derzeit mit einem fairen Preis zu bekommen.

Und wenn doch dann in schlechtem Zustand mit „Apothekerpreisen“.

Auf den ersten Blick sind den beiden Kameras kaum zu unterscheiden.

Doch zwei kleine Unterschiede sind auf den Kamerarückwänden erkennbar.

Zunächst sind jeweils die Namen „Ikonta 521/2“ und „Ercona“ auf die Rückwand gestanzt worden.

Und dann sind da noch die Gucklöcher.

Die Ercona war eine Zweiformatkamera. Sie konnte im 6 x 9 Format und im 6 x 6 Format fotografieren. Dafür besaß sie eine Maske in der Filmbühne und im Sucher. Und in der Rückwand besaß die Kamera 2 Gucklöcher für den Filmtransport.

Bei der Ikonta gab es nur das 6 x 9 Format. Deshalb hatte sie auch nur ein Guckloch.

Ein richtiges Zählwerk, wie meine Flexaret, hatten beide Kameras nicht.

Mal sehen wie die beiden Kameras sich im direkten Vergleich anstellen.

Um die Filme auch später auseinander halten zu können werde ich einen einfachen Trick anwenden.

Die Ikonta kann eh nur 6x9. Also bleibt sie in diesem Format. Für die Ercona wähle ich das 6x6 Format. Da sie, wie die Ikonta auch, ihre Filme quer einzieht, kann ich die Aufnahmen gut von denen der Flexaret unterscheiden. Denn bei dem tschechoslowakischen Doppelauge verläuft der Film von unten nach oben.

Das ist aber alles nichts gegen die Hürde die ich demnächst nehmen muss. Und die heißt:

„Wann und wie sage ich meiner Frau dass ich eine Kamera gekauft habe?“

 

 

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Uploaded on August 5, 2024