War da was? --- Was there anything?
Sie hatte so reagiert, wie er es gehofft und eigentlich auch erwartet hatte. Ruhig und konzentriert hatte sie sich seine Geschichte angehört, dann ein paar Fragen gestellt und sich alles nochmal erzählen lassen: Die ehemalige stellvertretende Chefredakteurin, theoretisch schon seit einem knappen Jahr pensioniert. Ein Urgestein und der sich als knurrige Schrulle tarnende gute Geist des Hauses.
"Kann sein," hatte sie schliesslich gemurmelt, zu ihm und zugleich in sich hinein. "Kann sein, dass Sie da etwas gesehen haben, was Sie wirklich nicht hätten sehen sollen. Und das wäre schon … interessant."
Sie hatten vereinbart, dass er noch einmal hinfahren sollte. Nicht zum Recherchieren, sondern um den Ort noch einmal auf sich wirken zu lassen und in sich hineinzufühlen. Etwas skeptisch hatte er zugestimmt. "Dann rufen Sie mich am nächsten Morgen an. Wenn Sie sich dann immer noch sicher sind, steigen wir ein."
Nun stand er also wieder auf der alten Klappbrücke und blickte das letzte Stück des Flusses hinab zur Mündung. Die beidseitig festgemachten Boote und Yachten; ein paar Segelschiffe, die durchaus die Bezeichnung "historisch" verdienten; das dunkle, sich gemächlich bewegende Wasser. Er tastete die Szene mit seinem Fernglas ab, die Ellenbogen auf das Brückengeländer abgestützt. Alles schien ganz normal und unauffällig. Auch die einzelne Lampe rechter Hand an Sperrwerk leuchtete hell, ruhig und stetig. Alles wie vor drei Tagen – zumindest fast.
Für eine Reportage über die Universität und ein Interview mit der neuen Rektorin war er, der junge Wissenschaftsredakteur, für ein paar Tage in die Stadt gekommen. Wie an den beiden Tagen davor hatte er am letzten Abend irgendwo gegessen und den Weg zum Hotel mit einem kleinen Spaziergang verbunden.
Er hatte an der gleichen Stelle wie jetzt gestanden, auf den Fluss geschaut und die Gedanken schweifen lassen. Eigentlich hatte er sich schon wieder abgewandt, als eine plötzliche Veränderung am Rande seines Blickfelds ihn stocken und umkehren liess: Das Licht am Sperrwerk hatte ein paarmal geflackert und war erloschen. Hinter ihm hatte eine männliche Stimme lokaler Färbung etwas von "mal wieder" gebrummt; und dass das schon seit Wochen so ginge, aber man in diesem Land ja inzwischen nicht mal mehr die Reparatur einer Lampe auf die Reihe brächte.
Ohne eigentlichen Grund hatte er sein Fernglas aus der Schultertasche genommen und es über die Flussmündung schweifen lassen. Die Angewohnheit (für Freunde einer seiner vielen Marotten), ständig ein Fernglas mitzuschleppen, war ein Überbleibsel aus der Zeit, in der er als unbeschwerte Globetrotter durch die Welt gezogen war und als Freelancer für Reiseführer geschrieben hatte.
Zuerst hatte er gesehen, was zu erwarten war: Eigentlich nichts ausser der Flussmündung in nun fast vollkommener Dunkelheit. Doch halt – da war eine Bewegung. Nur schemenhaft, aber sich gerade deutlich genug abzeichnend in der kreisrunden Scheibe des Blickfelds, hatte er das Ruderboot wahrgenommen, das sich rechts vom Ufer löste und zügig auf die Mündung zuhielt. Ein mit zwei Personen besetztes Ruderboot.
Wer etwas geduckt dahockte und die Riemen in gleichmässigem und ruhigem Rhythmus durchs Wasser zog, mochte ein stämmiger Mann sein. Die andere Person war gerade einmal als solche zu erkennen gewesen. Aus irgendeinem Grund aber war er sicher gewesen, dass es eine eher zierliche Frau war: Eine eher zierliche Frau in einem Neoprenanzug mit einer Tauchermaske und einer Druckluftflasche auf dem Rücken, in den Händen einen undefinierten Gegenstand. Das Boot war aus seinem Blick verschwunden und er hatte das Fernglas von den vor Anstrengung tränenden Augen genommen.
(Teil der Serie: Ein Bild und eine Geschichte. Copyright Der Sekretär, 2024. Alle Rechte vorbehalten.)
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She had reacted just as he had hoped and actually expected. She had listened to his story calmly and intently, then asked a few questions and let him tell her everything again: The former deputy editor-in-chief, theoretically retired for almost a year. A veteran and the good spirit of the company masquerading as a grumpy quirk.
“Maybe,” she had finally muttered, both to him and to herself. “Maybe you saw something there that you really shouldn't have seen. And that would indeed be ... interesting.”
They had agreed that he would go there again. Not to do any research, but to soak up the place once more and feel his way around. He had agreed somewhat skeptically. “Then give me a call the next morning. If you're still sure then, we'll dive in.”
So now he was standing on the old bascule bridge again, looking down the last stretch of the river to the estuary. The boats and yachts moored on both sides; a few sailing ships that definitely deserved to be called “historic”; the dark, gently moving water. He scanned the scene with his binoculars, his elbows propped on the bridge railing. Everything seemed normal and unremarkable. The single lamp on the right-hand side of the barrage also was shining brightly, calmly and steadily. Everything was as it had been three days ago - at least almost.
He, the young science editor, had come to the city for a few days for a report on the university and an interview with the new rector. As on the previous two days, he had eaten somewhere on the last evening and combined the walk to the hotel with a little stroll.
He had been standing in the same place as he was now, looking at the river and letting his thoughts wander. He had actually already turned away again when a sudden change at the edge of his field of vision made him stop and turn back: the light on the barrage had flickered a few times and disappeared. Behind him, a male voice of local color had mumbled something about “once again”; and that this had been going on for weeks, but that they couldn't even fix a lamp in this country anymore.
For no real reason, he had taken his binoculars out of the shoulder bag and let them wander over the estuary. The habit (one of his many quirks for friends) of always carrying binoculars with him was a remnant from the time when he had traveled the world as a carefree globetrotter and written for travel guides as a freelancer.
At first, he had seen what was to be expected: actually nothing except the estuary in what was now almost complete darkness. But wait - there was movement. Only dimly, but just clearly enough in the circle of his field of vision, he had spotted the rowing boat, which had detached itself from the bank on the right and was heading straight for the estuary. A rowing boat with two people on board.
The person crouching down and pulling the oars through the water in a steady and calm rhythm may have been a burly man. The other person was barely recognizable as such. For some reason, however, he had been sure that it was a rather small woman: a rather small woman in a wetsuit with a diving mask and a compressed air bottle on her back, holding an undefined object in her hands. The boat had disappeared from his view and he had taken the binoculars from his eyes, which were watering with strain.
(Part of the series: A picture and a story. Copyright by Secretary, 2024, all rights reserved.)
War da was? --- Was there anything?
Sie hatte so reagiert, wie er es gehofft und eigentlich auch erwartet hatte. Ruhig und konzentriert hatte sie sich seine Geschichte angehört, dann ein paar Fragen gestellt und sich alles nochmal erzählen lassen: Die ehemalige stellvertretende Chefredakteurin, theoretisch schon seit einem knappen Jahr pensioniert. Ein Urgestein und der sich als knurrige Schrulle tarnende gute Geist des Hauses.
"Kann sein," hatte sie schliesslich gemurmelt, zu ihm und zugleich in sich hinein. "Kann sein, dass Sie da etwas gesehen haben, was Sie wirklich nicht hätten sehen sollen. Und das wäre schon … interessant."
Sie hatten vereinbart, dass er noch einmal hinfahren sollte. Nicht zum Recherchieren, sondern um den Ort noch einmal auf sich wirken zu lassen und in sich hineinzufühlen. Etwas skeptisch hatte er zugestimmt. "Dann rufen Sie mich am nächsten Morgen an. Wenn Sie sich dann immer noch sicher sind, steigen wir ein."
Nun stand er also wieder auf der alten Klappbrücke und blickte das letzte Stück des Flusses hinab zur Mündung. Die beidseitig festgemachten Boote und Yachten; ein paar Segelschiffe, die durchaus die Bezeichnung "historisch" verdienten; das dunkle, sich gemächlich bewegende Wasser. Er tastete die Szene mit seinem Fernglas ab, die Ellenbogen auf das Brückengeländer abgestützt. Alles schien ganz normal und unauffällig. Auch die einzelne Lampe rechter Hand an Sperrwerk leuchtete hell, ruhig und stetig. Alles wie vor drei Tagen – zumindest fast.
Für eine Reportage über die Universität und ein Interview mit der neuen Rektorin war er, der junge Wissenschaftsredakteur, für ein paar Tage in die Stadt gekommen. Wie an den beiden Tagen davor hatte er am letzten Abend irgendwo gegessen und den Weg zum Hotel mit einem kleinen Spaziergang verbunden.
Er hatte an der gleichen Stelle wie jetzt gestanden, auf den Fluss geschaut und die Gedanken schweifen lassen. Eigentlich hatte er sich schon wieder abgewandt, als eine plötzliche Veränderung am Rande seines Blickfelds ihn stocken und umkehren liess: Das Licht am Sperrwerk hatte ein paarmal geflackert und war erloschen. Hinter ihm hatte eine männliche Stimme lokaler Färbung etwas von "mal wieder" gebrummt; und dass das schon seit Wochen so ginge, aber man in diesem Land ja inzwischen nicht mal mehr die Reparatur einer Lampe auf die Reihe brächte.
Ohne eigentlichen Grund hatte er sein Fernglas aus der Schultertasche genommen und es über die Flussmündung schweifen lassen. Die Angewohnheit (für Freunde einer seiner vielen Marotten), ständig ein Fernglas mitzuschleppen, war ein Überbleibsel aus der Zeit, in der er als unbeschwerte Globetrotter durch die Welt gezogen war und als Freelancer für Reiseführer geschrieben hatte.
Zuerst hatte er gesehen, was zu erwarten war: Eigentlich nichts ausser der Flussmündung in nun fast vollkommener Dunkelheit. Doch halt – da war eine Bewegung. Nur schemenhaft, aber sich gerade deutlich genug abzeichnend in der kreisrunden Scheibe des Blickfelds, hatte er das Ruderboot wahrgenommen, das sich rechts vom Ufer löste und zügig auf die Mündung zuhielt. Ein mit zwei Personen besetztes Ruderboot.
Wer etwas geduckt dahockte und die Riemen in gleichmässigem und ruhigem Rhythmus durchs Wasser zog, mochte ein stämmiger Mann sein. Die andere Person war gerade einmal als solche zu erkennen gewesen. Aus irgendeinem Grund aber war er sicher gewesen, dass es eine eher zierliche Frau war: Eine eher zierliche Frau in einem Neoprenanzug mit einer Tauchermaske und einer Druckluftflasche auf dem Rücken, in den Händen einen undefinierten Gegenstand. Das Boot war aus seinem Blick verschwunden und er hatte das Fernglas von den vor Anstrengung tränenden Augen genommen.
(Teil der Serie: Ein Bild und eine Geschichte. Copyright Der Sekretär, 2024. Alle Rechte vorbehalten.)
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She had reacted just as he had hoped and actually expected. She had listened to his story calmly and intently, then asked a few questions and let him tell her everything again: The former deputy editor-in-chief, theoretically retired for almost a year. A veteran and the good spirit of the company masquerading as a grumpy quirk.
“Maybe,” she had finally muttered, both to him and to herself. “Maybe you saw something there that you really shouldn't have seen. And that would indeed be ... interesting.”
They had agreed that he would go there again. Not to do any research, but to soak up the place once more and feel his way around. He had agreed somewhat skeptically. “Then give me a call the next morning. If you're still sure then, we'll dive in.”
So now he was standing on the old bascule bridge again, looking down the last stretch of the river to the estuary. The boats and yachts moored on both sides; a few sailing ships that definitely deserved to be called “historic”; the dark, gently moving water. He scanned the scene with his binoculars, his elbows propped on the bridge railing. Everything seemed normal and unremarkable. The single lamp on the right-hand side of the barrage also was shining brightly, calmly and steadily. Everything was as it had been three days ago - at least almost.
He, the young science editor, had come to the city for a few days for a report on the university and an interview with the new rector. As on the previous two days, he had eaten somewhere on the last evening and combined the walk to the hotel with a little stroll.
He had been standing in the same place as he was now, looking at the river and letting his thoughts wander. He had actually already turned away again when a sudden change at the edge of his field of vision made him stop and turn back: the light on the barrage had flickered a few times and disappeared. Behind him, a male voice of local color had mumbled something about “once again”; and that this had been going on for weeks, but that they couldn't even fix a lamp in this country anymore.
For no real reason, he had taken his binoculars out of the shoulder bag and let them wander over the estuary. The habit (one of his many quirks for friends) of always carrying binoculars with him was a remnant from the time when he had traveled the world as a carefree globetrotter and written for travel guides as a freelancer.
At first, he had seen what was to be expected: actually nothing except the estuary in what was now almost complete darkness. But wait - there was movement. Only dimly, but just clearly enough in the circle of his field of vision, he had spotted the rowing boat, which had detached itself from the bank on the right and was heading straight for the estuary. A rowing boat with two people on board.
The person crouching down and pulling the oars through the water in a steady and calm rhythm may have been a burly man. The other person was barely recognizable as such. For some reason, however, he had been sure that it was a rather small woman: a rather small woman in a wetsuit with a diving mask and a compressed air bottle on her back, holding an undefined object in her hands. The boat had disappeared from his view and he had taken the binoculars from his eyes, which were watering with strain.
(Part of the series: A picture and a story. Copyright by Secretary, 2024, all rights reserved.)