Im Café --- At the café
In dem Moment, als der Cappuccino und das ihn ordnungsgemäss begleitende Glas Wasser auf dem Tisch standen, stand ihr Entschluss fest: Der nächste Mann, der das Café betrat, würde sterben müssen.
Sie musste nicht lange warten. Er war um die dreissig und mochte seiner Erscheinung nach vielleicht ein aufstrebender Banker sein; oder auch ein junger Anwalt, der sich in Erwartung einer glanzvollen und lukrativen Karriere in einer Wirtschaftskanzlei bis zum Burnout und darüber hinaus abrackerte. Er gefiel ihr – er gefiel ihr durchaus. Und für einen kurzen Augenblick nur ertappte sie sich bei dem Gedanken, ER hätte seinem ebenfalls adretten, aber viele Jahre älterem Begleiter um einige Schritte hinterher- und nicht vorausgehen sollen. Doch jetzt durfte sie ihren Entschluss auf keinen Fall mehr revidieren oder auch nur in einer Kleinigkeit abändern.
Sie beobachtete die beiden, versuchte durch die anderen zu ihr dringenden Gesprächsfetzen hindurch etwas zu erlauschen. Die beiden waren vermutlich Arbeitskollegen; und sie konnten Banker, Anwälte oder auch sonst so manches sein.
Eine Weile sass sie einfach da, führte gelegentlich die Tasse zum Mund und beobachtete. Sie widerstand der naheliegenden Versuchung, einige unbemerkte Handyfotos zu machen, das wäre ihr doch als zu indiskret erschienen. Und es war auch nicht nötig, denn sie war eine gute und aufmerksame Beobachterin.
Schliesslich schlug sie das vor ihr liegendes Notizbuch auf, griff zum Stift und begann, sich Notizen zu machen. Erst blickte sie noch gelegentlich auf und betrachtete für einen Moment ihr Opfer, doch immer länger blieb ihr Kopf über das Notizbuch gesenkt.
Als sie schliesslich seufzte, aufsah und den Stift aus der Hand legte, war der Tisch leer, die beiden Männer verschwunden. Doch das störte sie nicht. Zufrieden lächelte sie und verlangte mit einer Geste die Rechnung. In ihren Gedanken war das erste Kapitel ihres nächsten Romans schon so gut wie vollendet.
(Teil der Serie: Ein Bild und eine Geschichte. Copyright Der Sekretär, 2024. Alle Rechte vorbehalten.)
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The moment the cappuccino and the glass of water that duly accompanied it were placed on the table, her mind was made up: the next man who entered the café would have to die.
She didn't have to wait long. He was around thirty and, from his appearance, might be an up-and-coming banker; or a young lawyer working himself to burnout and beyond in anticipation of a glamorous and lucrative career in a business law firm. She liked him - she quite liked him. And for a brief moment, she caught herself thinking that HE should have followed a few steps behind his equally handsome, but many years older, companion and not gone ahead. But now there was no way she was going to change her decision or alter even the smallest detail.
She watched the two of them, trying to pick out something through the other snippets of conversation that came to her. They were probably work colleagues, and they could be bankers, lawyers or many other things.
For a while she just sat there, occasionally bringing her cup to her mouth and observing. She resisted the obvious temptation to take a few unnoticed photos on her cell phone, as that would have seemed too indiscreet. And it wasn't necessary either, because she was a good and attentive observer.
Finally, she opened the notebook in front of her, picked up a pen and began to make notes. At first, she occasionally looked up and looked at her victim for a moment, but her head remained lowered over the notebook for longer and longer.
When she finally sighed, looked up and put the pen down, the table was empty and the two men had disappeared. But that didn't bother her. She smiled contentedly and gestured for the bill. In her mind, the first chapter of her next novel was as good as finished.
(Part of the series: A picture and a story. Copyright by Secretary, 2024, all rights reserved.)
Im Café --- At the café
In dem Moment, als der Cappuccino und das ihn ordnungsgemäss begleitende Glas Wasser auf dem Tisch standen, stand ihr Entschluss fest: Der nächste Mann, der das Café betrat, würde sterben müssen.
Sie musste nicht lange warten. Er war um die dreissig und mochte seiner Erscheinung nach vielleicht ein aufstrebender Banker sein; oder auch ein junger Anwalt, der sich in Erwartung einer glanzvollen und lukrativen Karriere in einer Wirtschaftskanzlei bis zum Burnout und darüber hinaus abrackerte. Er gefiel ihr – er gefiel ihr durchaus. Und für einen kurzen Augenblick nur ertappte sie sich bei dem Gedanken, ER hätte seinem ebenfalls adretten, aber viele Jahre älterem Begleiter um einige Schritte hinterher- und nicht vorausgehen sollen. Doch jetzt durfte sie ihren Entschluss auf keinen Fall mehr revidieren oder auch nur in einer Kleinigkeit abändern.
Sie beobachtete die beiden, versuchte durch die anderen zu ihr dringenden Gesprächsfetzen hindurch etwas zu erlauschen. Die beiden waren vermutlich Arbeitskollegen; und sie konnten Banker, Anwälte oder auch sonst so manches sein.
Eine Weile sass sie einfach da, führte gelegentlich die Tasse zum Mund und beobachtete. Sie widerstand der naheliegenden Versuchung, einige unbemerkte Handyfotos zu machen, das wäre ihr doch als zu indiskret erschienen. Und es war auch nicht nötig, denn sie war eine gute und aufmerksame Beobachterin.
Schliesslich schlug sie das vor ihr liegendes Notizbuch auf, griff zum Stift und begann, sich Notizen zu machen. Erst blickte sie noch gelegentlich auf und betrachtete für einen Moment ihr Opfer, doch immer länger blieb ihr Kopf über das Notizbuch gesenkt.
Als sie schliesslich seufzte, aufsah und den Stift aus der Hand legte, war der Tisch leer, die beiden Männer verschwunden. Doch das störte sie nicht. Zufrieden lächelte sie und verlangte mit einer Geste die Rechnung. In ihren Gedanken war das erste Kapitel ihres nächsten Romans schon so gut wie vollendet.
(Teil der Serie: Ein Bild und eine Geschichte. Copyright Der Sekretär, 2024. Alle Rechte vorbehalten.)
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The moment the cappuccino and the glass of water that duly accompanied it were placed on the table, her mind was made up: the next man who entered the café would have to die.
She didn't have to wait long. He was around thirty and, from his appearance, might be an up-and-coming banker; or a young lawyer working himself to burnout and beyond in anticipation of a glamorous and lucrative career in a business law firm. She liked him - she quite liked him. And for a brief moment, she caught herself thinking that HE should have followed a few steps behind his equally handsome, but many years older, companion and not gone ahead. But now there was no way she was going to change her decision or alter even the smallest detail.
She watched the two of them, trying to pick out something through the other snippets of conversation that came to her. They were probably work colleagues, and they could be bankers, lawyers or many other things.
For a while she just sat there, occasionally bringing her cup to her mouth and observing. She resisted the obvious temptation to take a few unnoticed photos on her cell phone, as that would have seemed too indiscreet. And it wasn't necessary either, because she was a good and attentive observer.
Finally, she opened the notebook in front of her, picked up a pen and began to make notes. At first, she occasionally looked up and looked at her victim for a moment, but her head remained lowered over the notebook for longer and longer.
When she finally sighed, looked up and put the pen down, the table was empty and the two men had disappeared. But that didn't bother her. She smiled contentedly and gestured for the bill. In her mind, the first chapter of her next novel was as good as finished.
(Part of the series: A picture and a story. Copyright by Secretary, 2024, all rights reserved.)