Stadtregion Stuttgart – Ein topografisches Portrait
ein projekt von ph.urban und stadtblind
contact: ph.regio@yahoo.com
Das Leben in der Region Stuttgart ist für viele Bewohner städtischer Alltag. Trotz des zunehmenden regionalisierten Lebensstils sind aber die Kernstädte weiterhin die identitätsprägenden Bezugsräume. Trotz der eigenen Standortdynamik des Umlands, der Ausdifferenzierung und teilweise Einebnung des Zentralitätsgefälles von Zentrum und Peripherie und der Herausbildung von „kernunabhängigen“, urbanisierten Orten bleibt die Stadtregion und hier besonders der sinnlich prägende, suburbane Raum für ein gros der Bevölkerung aber auch für die kommunale Politik bewusst oder unbewusst eine gestalterisch ignorierte und ausgeklammerte Welt.
Die Frage, die hiermit zu stellen ist, ist, wie die Stadtregion und ihre Bevölkerung und deren Planungsverantwortliche eine räumliche und gestalterische Sensibilität für die differenzierten suburbanen Räume entwickeln und erlernen können? Die Kommunikation dieser neuen Planungsaufgaben, die schrittweise Lesbarkeit suburbaner, identitätsprägender Räume, als Komplementär und nicht als Konkurrenz zur Kernstadt und die Erweckung einer kritischen Öffentlichkeit sind hierbei als Prozess untrennbar miteinander verbunden.
Um diesen abstrakten stadtregionalen Raum über einen professionellen Hintergrund hinaus spürbar zu machen, können emotionale, sinnliche und atmosphärische Elemente oder auch Handlungen bestimmt und Medien gesucht werden, die dies auf einer breiten - wahrscheinlich auch populären- Weise tun können. Besonders in polyzentralen Stadtregionen, die sich nicht auf einen bestimmenden, zentrierten Identifikationsraum beziehen können, sollten überörtliche, regionale Themen, die einen greifbaren, materialisierenden Charakter zu Eigen haben, gefunden und bestimmt werden. Die Lesbarkeit und Kommunikationsfähigkeit kann sich an einzelnen starken neuen Identifikationspunkten (Knoten oder solitaire Architekturen) oder entlang von Infrastrukturen aber auch an landschaftlich oder klimatisch prägenden Großräumen orientieren. Das können die Lage am Meer, am Fluss, am Berg oder, wie in der Region Stuttgart, die Lage in der hügeligen Landschaft, die Topografie sein.
Region Stuttgart
Die Polyzentralität und die Kleinteiligkeit der Siedlungsstruktur werden in der Stadtregion Stuttgart durch eine bewegte Topografie bestimmt. Diese landschaftliche Prägung beeinflusst die städtische, architektonische hin bis zur objekthaften Gestalt, ist Motiv in den Erzählungen und im Alltag vollkommen präsent. Die Topografie beeinflusst das Gehen, Fahren und Sehen, Bauen und Planen in den Kernstädten und in der Peripherie, in der gesamten Stadtregion. Die Höhenlagen sind eine räumlich und sprachlich verbindende und städtisch ordnende Konstante, dies gilt sowohl für die Innenstadt von Stuttgart, Leonberg, Waiblingen als auch für die suburbanen Filderstädte wie Bernhausen oder Plattenhardt.
Die Topografie ist nicht das in allem hausende, das wesentliche und alles bestimmende Thema, aber es kann ein Anfang sein um jenseits des traditionellen Stadtraums nach gemeinsamen ästhetischen, atmosphärischen und sinnlichen Elementen zu suchen, um ein greifbares Image der Region populär zu beschreiben und um Orte und Aufgaben im urbanen Aus, in scheinbar eigenschaftslosen Räumen thematisch zu fassen. Letztendlich geht es bei der Suche nach verbindenden städtischen Elementen darum, ein Interesse und eine Begeisterung für diesen neuen städtischen Raum einer regionalen Stadt zu wecken. Dieser Weg kann nicht nur über Zahlen und zweidimensionale regionalplanerische Planwerke, sondern sollte auf einer breiten Basis mit den Bürgern, Politikern und anderen Raumschaffenden geführt werden und so auch vermittelt werden. Was also sind die Instrumente, Medien und städtischen Repräsentationsebenen, die diese Vermittlungsleistung erreichen können?
Städtische Repräsentation
Neben dem planerischen Blick auf die Stadt gibt es nur wenige Beispiele dafür, sind es keine Romane oder die Geschichte von Franz Biberkopf in Alfred Döblins Berlin - Alexanderplatz oder Franz Hessels Ein Flaneur in Berlin, die etwas über den Ort erzählen und bebildern an dem wir wohnen. Besonders wenn der Ort noch jung und mit einer negativen Bedeutung belastet ist. Besonders das alltägliche Befahren, das Leben in einer als gewöhnlich dahingenommenen Welt macht es schwer, die Besonderheiten der Stadtagglomeration sichtbar zumachen und ein geeignetes Medium zu finden, das die Informationen auf eine allgemein lesbare Weise vermittelt. Für sie gibt es kein gängiges Format.
Das populäre Architektenwerk SMLXL von Rem Koolhaas haben das Bild als aktiv-gestalterische und architektonische Repräsentation populär gemacht. Aber dieses Buch bleibt im architekturbezogenem Diskurs und öffnet keine wesentlich neuen gesamtstädtischen und gesellschaftsübergreifende Zugänge. Der städtische Bürger bleibt, was das Zwiegespräch zur Stadt, zur Urbanität oder zur Stadtagglomeration angeht, bibliografisch weitgehend uniformiert. Dies ist unverständlich, da die wichtigen planerischen Entscheidungen in den demokratisch legitimierten Gremien von planerischen Laien getroffen werden.
Populäre städtebauliche Studien wie Schweiz – Ein städtebauliches Portrait vom Studio Basel oder der deutsche Biennalebeitrag Deutschlandschaft zeigen aber, wie ein abstraktes Thema außerhalb eines akademischen Rahmens in die Öffentlichkeit getragen werden kann. Der Polemische wie gewitzte Fotoband Die gemordete Stadt von Wolf Jobst Siedler und Elizabeth Niggemeyer haben den sozialpsychologischen und städtebaulichen Beobachtungen von Alexander Mitscherlich und Jane Jacobs ein städtisches detailliertes Wider gegeben. Ohne eine Bebilderung wären auch populäre Bewegungen wie der New Urbanism nie so tief in das amerikanische Gewissen vorgestoßen und hätten die Diskussion um die nachhaltige Zukunft der Stadt zu einer nationalen Frage gemacht. Ohne einen breiten gesellschaftlichen Rückhalt lassen sich die bestehenden Stadtagglomerationen nicht zu zukunftsfähigen und nachhaltigen Stadträumen umbauen.
Diese Beiträge sind immer auch eingebettet in einen größeren gesellschaftlichen Diskurs und bilden somit die mediale und materielle Seite eines Prozesses.
Das Werk Die annährend perfekte Peripherie beschreibt sich selbst als “ein Essay über die zeitgenössische Stadt in der Schweiz in der Form eines Führers oder besser in der Form mehrer Führer“. Dieses Buch betrachtet die Agglomeration Glattalstadt mit einem touristischen Blick. Dementsprechend orientieren sich die Kategorien nicht an klassischen städtebaulichen Ordnungen sondern an den Inhaltverzeichnissen von Reiseführern.
Der touristische Blick auf die Stadt kann eine Distanz zum Gewöhnlichen stimulieren und so einen neuen und unverbrauchten Zugang ermöglichen. Der Reiseführer für das Zuhause ist ungewohnt, aber Stadt- oder Wanderführer, Erlebnistouren, Spaziergänge durch die Zwischenstädte, die Promenadologie oder die internetgestützten interaktiven Stadtbeschreibungen sind Wege, um die Wahrnehmung und das Selbstverständnis der eigenen städtischen Umwelt zu stärken.
Der Urlaub in der Heimat und die Entdeckung neuer Orte in der gewohnten Umgebung sind Aktivitäten, die eine steigende Popularität haben. Geocashing, flickr, youtube oder auch google.earth animieren die eigene Welt neu zu suchen, zu dokumentieren und sie im Netz zu präsentieren. Die Web 2.0 Handlungen haben eine starke Auswirkung auf die Wahrnehmung und die Repräsentation von Städten. Die Differenzen zwischen touristischem Blick und der Praxis im Netz den Alltag zu dokumentieren sind nicht mehr groß.
Die Kombination von Reiseführer und Web 2.0 Applikationen sind ein Weg, um städtische Fragen sowohl über den klassischen Buchmarkt aber auch über das Medium des Internets hinaus an die Bürger (Nutzer) der Städte konsumierbar weiterzugeben. Aus diesem Grund wähle ich in abgewandelter Form das Format des Reiseführers für diese Arbeit. Das Projekt wird im Netz bei www.flickr.com/regionalblind entstehen und dort kontinuierlich Bilder zeigen und Fragen aufwerfen.
Topografie
In der topografischen Stadtforschung wird die Wechselbeziehung zwischen Stadtstruktur und dem Geländerelief im Wesentlichen am Beispiel der alten Stadt (bis 1945) vollzogen. Die moderne Stadtlandschaft, besonders die der letzten 40 Jahre wird kaum untersucht. Der geschichtliche Rückblick hat zum Ziel, vorindustrielles und traditionelles Wissens zum Städtebau wiederzuentdecken. Hier häufig durch eine klassische Analyse des Stadtgrundrisses und den topografischen Gegebenheiten. Die alte Stadt ist dabei Gegenmodell zur scheinbar eintönigen und immer gleichen Erscheinung der modernen Stadtlandschaft, in der Struktur- und Gestaltverfall das Bild prägt. Die, in die Topografie eingebettet Stadt ist Teil einer regionalen Kultur, die den lokalen Gegenpol zur Globalisierung bilden soll. Die Forschungsergebnisse sind aber für aktuelle Planungsaufgaben am Stadtrand schwer zu verwenden.
Der größte und dynamischste Flächenanteil der Stadt wird an den Rand der Wahrnehmung gedrängt. Dies verwundert umso mehr, da die Topografie als prägende Größe sowohl kompaktstädtische Orte als auch periphere Situationen prägen kann, also nicht eine allein innerstädtische Größe ist. Umso wichtiger ist es, die Erkenntnisse aus der Topografieforschung auf einen größeren Stadtraum anzuwenden und den bestehenden neuen Siedlungsraum auch zu untersuchen. Es hat sich gezeigt, dass die pauschale Verurteilung ganzer Stadteile aufgrund ihres Entstehungssjahres oder ihrer Typologie, auch häufig unter dem Pauschalverdacht der Modernität, ignoriert, dass es immer auch eine regionale Baukultur moderner Ausprägung neben der Hypermoderne gegeben hat. Diese Formen gilt es wiederzuentdecken und in das Wissen über die neue Stadt zurückzubringen.
Projekt
In diesem Projekt „Stadtregion Stuttgart – Ein städtebauliches Portrait“ sollen die Auswirkungen der regionalen Topografie auf drei Kategorien des Städtischen (Handlungen, Erzählungen, materielle Stadt) untersucht und dokumentiert werden. Dabei werden sowohl die durch den städtischen Nutzer direkt erfahrbaren Objekte der Stadt als auch die weitläufigen nicht sofort in ihren Zusammenhängen wahrnehmbaren Großräume gezeigt werden. Das können der öffentliche Raum mit seinen Straßenräumen und Elementen, die privaten Flächen mit Innenräumen und Außenbezügen und die regionalen Infrastrukturen und Freiräume sein. Letztendlich ist es das Ziel dieser Arbeit der abstrakten Raumkategorie Stadtregion eine sinnliche, lesbare und menschlich erfahrbare Dimension entgegenzusetzen. Die Objekte werden in Karten der Region verortet und durch Geländeschnitte ergänzt.
Die sinnliche und phänomenologische Untersuchung wird durch, weitere erläuternde Ebenen ergänzt. So soll ein vielfältiger, die Repräsentationen des Städtischen durchdringenden Blick auf die Region Stuttgart ermöglicht werden. Folgende Schichten sollen noch behandelt werden:
Entstehungsgeschichte der Stadtregion Stuttgart als Landschaft, Siedlungsstruktur und Verwaltungseinheit. (Zeitschnitte ca.: 20 000 v.C., 1200 n.C. 1600, 1850, 1920, 1945, 1960, 1990, 2006)
Erzählerische Dimension (Literatur, Tagesmedien, Historische Darstellungen)
Schöne Beispiele (Architekturen, städtebauliche Strukturen, regionale Initiativen, die die Topografie beispielhaft aufnehmen und gestalterisch umsetzen)
- JoinedJanuary 2007
- OccupationW
- Emailphili.schwarz@gmail.com
- Websitehttp://www.stadtblind.org
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