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06.09.2020 Innsbruck nach Brixen (Tagesbericht)

06.09.2020 Innsbruck nach Brixen

98km (1010), 16,5km/h, 1380 m, 6:00

 

Der Morgen beginnt mit dem Wetterbericht. Großglockner hat Regen, tagsdrauf auch. Nieselregen in Innsbruck. Am nächsten Tag soll es in Heiligenbluth und weiter oben noch kälter werden. Ich überlege, überlege.

 

Gehe zum Frühstücken. Bin der Einzige im ganzen Gastraum, der Maske trägt. Später frage ich an der Rezeption nach. Die Lösung heißt Österreichische Ampelregion „grün“. Willkommen in der Ampelregion „grün“ haucht die Rezeptionistin mir über die Theke zu. Man ist hier ohne unterwegs, trägt keine Maske. Ich sinniere und rein aus dem Gefühl heraus möchte ich sie nicht mehr missen, die Maske, bin tragend, ertragend und sicherlich auch mich gut betragend. Nur will das hier keiner wissen.

 

Sitze zwischen einer Mädelsfußballmannschaft, ein Gewusel, die Sportanzüge in schwarz und betont neon grün tragen. Die gleiche Farbkombination wie meine Windshield Radjacke. Willkommen in der Ampelregion „grün“. Allen freien Lauf und freie Fahrt.

 

Vielleicht ist es sogar der fußballtonische, österreichisch-weibliche Nationalsturm, der gerade in Innsbruck tagt, übt, bolzt, Videos von sich guckt, tagt, bolzt und futtert. Dann erstmal Willkommen in der Ampelregion „grün“. Irgendwann muss es doch eine Idee für das Weitermachen geben, selbst bei leeren Stadien oder Regen, vordergründig wenig Segen. Macht ihr den Start?

 

Hatte mich an einem Tisch niedergelassen und meinen Kram bescheiden auf die Seitenablage zwischen all die ruralen Staubfänger gelegt. Stehe auf für Nachschub. Die neon grünen Mädels blicken es nicht und sitzen an meinen Tisch, meinen Platz, als ich mit Rührei zurück komme. Ich weiche der zutrittfreudigen Übermacht ohne Blick und Worte. Das ist bei mir schon selten. Willkommen in der Ampelregion „grün“! Die Aufmerksamkeit weicht der Aktion.

 

Zweiter Nachschubgang. Vor mir geht schwarz-neon-grün elegant zum Büfett der Extravaganz, als wäre es auf dem Weg zum Tor. Ein leichtes rechts, dann links, trippeln und streicht sich Avocado Creme aufs Brot, steht gerade beim Streichen. Ich versuche ähnlich elegant zurück zu gehen und knicke leicht weg, weil sich dann doch das Zipperlein des linken Knies meldet. Willkommen in der Ampelregion „grün“. Sich bitte nicht mehr zutrauen, als gut für einen ist.

 

Ich frage mich, ob die Farbkombination schwarz-neon-grün wirklich so gut ist und beende über diese weltbewegende Fragestellung mein Frühstück, gehe aufs Zimmer, und entschließe mich nun aus den Tiefen meines gefüllten Bauches heraus, den Brenner in potenzieller Nässe zu nehmen, frohen Erwartens eines besseren Wetters auf der anderen Seite der Alpen, keine Handschuhe kaufen müssend und dann sicher am Gardasee Zeit zu haben. Und schreibe Toni, der sich gerade dort mit seiner Frau aufhalten wollte, ob er Montag oder Dienstag Lust auf Abendessen habe, weit weg von der Ampelregion „grün“, aber dort, wo man wieder trägt.

 

Nach einer kurzen Erholung von dem ereignisreichen Morgen, sitze ich auf dem Rad, kein Regen mehr und radele von einer zur nächsten Ecke des Innsbruckers Industriegebietes, bis ich zum Stadium komme. Ein, zwei Gedanken an den Protagonisten G., den Jens und ich auf unserem gemeinsamen Bildungsweg kennenlernen und feiern durften.

 

Ein interessanter und vielseitig interessierter Zeitgenosse. Zu seiner Passion zählte, hier auf der Bühne aktiv zu sein. Dies brachte ihm eine kurze Auszeit ein, in der er alles niederschrieb. Wir lasen sein einschlägiges und austeilendes Buch und feierten ihn als Autoren. Heute vermissen wir sein Buch. Jens sagt, er hätte es mir gegeben, ich sage, er habe es verbaselt. Nein, wir sind kein altes Ehepaar, aber manchmal sprechen wir so miteinander.

 

So bleibt der Inhalt des Buches in unserer Erinnerung und färbt sich besser über Zeit als er ist. Ich schieße ein Photo des Ortes seiner Taten, was die Reife zusätzlich mit dem Ritual beschleunigt und mir das nächste Thema mit Jens sichert. Was mag der Protagonist heute wohl tun, wo mag er stecken? Einmal traf ich ihn unverhofft am Flughafen Chisinaus, aber das ist eine andere Geschichte.

 

Sieben Kilometer nach Patsch im Bodycheck. Mal links herum, mal rechts herum um den Berg. Olympiasprungschanze weit oben, immer noch hoch, kommt niedriger, noch niedriger, kann noch lange zu ihr aufsehen, bis wir plötzlich und unerwartet auf Augenhöhe sind. Die Details der Sprungschanze habe ich nie so wahrgenommen. Es ist ein ganzes Gebäude auf einer Blattfeder.

 

Weiter nach Patsch. Durch die Felder und weiter aufwärts als ich mich schon freue, den Sattel des hocheingeschnittenen Tales erreicht zu haben. Die Brennerautobahn in ihren jungen Zügen ganz unten im Tal. Sie macht keine Anstände, Höhe zu gewinnen.

 

Ich sehe den Eingang des Stubaitales, dort regnet es und keine Chance, den Gletscher zu sehen. Welch ein Anblick wäre dies wohl gewesen. Manchmal fuhr ich von Hamburg aus einfach los, reservierte ein Nachtlager, konnte weit oben an der Talstation parken und kehrte in die Dresdner Hütte ein. Der Gusseisen Koloss Etna wurde von Hand gefeuert und heizte ordentlich durch. Halbpension, Nachtlager, zwei, drei Tage Ski, Auskehr- und Einkehrschwung in die Piste direkt vor der Hütte und im Auto zurück nach Hause.

 

In Patsch, etwas Platsch, dann regenfrei und ich sitze und lade Riegel nach. Schaue ins Tal. Ein Paar mit Kind und er grüßt mich sehr direkt als kannten wir uns, an was ich mich erst einmal als Wahlnorddeutscher wieder gewöhnen muss.

 

Ich stelle mich darauf ein, etwas Höhe zu verlieren und östlich des Brenner am Rande des Tales zu fahren. Meine App hat den Weg im Griff. Die Europabrücke liegt unter mir, bergauf Stau, hoffentlich hält die Brücke die Menge an Fahrzeugen, die sich kaum noch bewegen.

 

Ein Motorrad kommt vom Berg zurück. Die Seitenstrecke Brenner sei gesperrt und er sei von der Polizei zurück geschickt worden. Wieso lassen sie mich nicht durch und Autobahn will ich nicht, sagt er. Vielleicht hat er Europabrückenangst?

 

Offensichtlich bringt man die Grenzgänger in diesen Tagen alle auf die Autobahn, um seitens Österreich den Überblick zu behalten. Ich fahre Radweg und meine zu ihm, etwas anderes müsse es schon geben, erzähle nur Blödsinn, wie sich später herausstellt. Ich glaube an meinen Radweg, den die App sicher anzeigt. Irgendwo gibt es eine kleine Brücke, die niemandem weh tut; auch nicht meiner Höhenangst.

 

Machen wir es kurz. Bald stehe ich an der Europabrücke, die man links als Fußgänger, sowie rechts, passieren kann. Vielleicht auch radelnd, wie im Käfig. Ich stehe an der östlichen Seite mit dem rasenden Talverkehr und schwitze, will weg. Vorsichtig taste ich mich voran. Das Rad habe ich erstmal zur Seite gelegt. Ein Lastkraftwagen rast im Abstand eines Meters an mir vorbei. Zwischen uns doppelt abgesicherte Leitblanken. Ich habe maximal einen Meter Spur. Und da soll ich und Rad lang?

 

Fassen wir nochmal zusammen: Der Brenner Radweg geht über die Europabrücke; was ist schlimmer, Lastkraftwagen und Autos fünfzig Zentimeter neben sich im hundert Stundenkilometern Almabtrieb oder zweihundert Meter freier Fall dreißig Zentimeter links von sich und der Durchgang schleppt sich über eine ein Meter breiten Brückenrand.

 

Der Windsack Indikator steht senkrecht. Meine Windhose habe ich auch voll. Wenn am Geländer kein Milchglas angebracht wäre, hätte ich wohl nicht rüber gemacht. Das liegt due Rettung und halte mich daran fest.

 

Wie lange braucht man zu Fuß über die Europabrücke? Fragen wir doch mal jemanden, der es gemacht hat. Ich? Ja. Aber mit den Hosen voll sagt man sich alle fünf Sekunden betmühlenartig, mit einer Wahrscheinlichkeit von 99,99% kommst du dort drüben an. Mein Jugendfreund Tucker hat schon in den Achtzigern von der Brücke geschwärmt. Sie steht noch immer.

 

In zweihundert Meter Tiefe fährt ein Zug unter mir durch, quasi durch meine angstvoll gespreizten Beine, stets alert, um etwaige Brückenschwingungen abzufangen. Dann verschwindet er im Milchglas. Das Geländer ist doppelt gesichert und erstreckt sich gebeugt weit über mich. Einmal erkläre ich mir, dass in dem sehr unwahrscheinlichen Fall, dass ich dort hinunter wollte, ich garnicht wüßte wie, ohne Flexschneider oder tagelangem Sägen.

 

Bei diesen Gedanken versteht sich, dass ich keine Zeit habe, auf die Uhr zu sehen. Ich beobachte die Bodenstruktur. Immer häufiger ist das Bitumen aufgerissen, aufgeplatzt oder fehlt ganz. Dann sieht man den Stahl, gut und gesund, leicht angebräunt durch Flugrost. Ich wage nicht, mit den Füßen zu stampfen.

 

Der Windsack steht in der Mitte der Brücke. Lange sehe ich ihn sehnend an, er mag aber nicht näher kommen. Dann habe ich ihn aus den Augen verloren und drehe mich um, er ist schon weit hinter mir.

 

Ich habe mich an den starken Wind gewöhnt und auch an die Böen durch Autos, Camper und Lastkraftwagen. Die Baumkronen kommen näher. Auf der anderen Straßenseite der Europabrücke stehen die Fahrzeuge. Etwa bei Brückenmitte hatte der Stau begonnen. An der anderen Brückenseite gehen zwei eingegurtet zum Bunjyabsprung. Sie machen einen ruhigen Eindruck. Wie geht so etwas?

 

Nun strecken sich die Bäume mir weiter entgegen und ich habe längst meine Angst verloren. So auch die Erinnerung an sie und denke über den gesunden Respekt nach, den man vor solchen Bauwerken doch hat. Nach vorne sehen! Ich gehe auf festem Boden und die Grasnarbe hinab auf einen Teerweg.

 

Dieser steigt stark an, bald höre ich die Autobahn nicht mehr, arbeite mich weiter schwerlich hinauf. Matrei, Steinach, alles gut erreichbar. Mittlerweile bin ich wieder in Gummikontur. Es regnet stark. Der Radweg geht soweit es geht weg von der Straße und ist sehr gut ausgeschildert.

 

Dann bin ich auf der Brenner Passhöhe. Überall, in alle Richtungen ist Stau. Trinke einen Liter Apfelsaftschorle, esse Käse und Schinken, ruhe mich aus. Dann bergabwärts, ich sause nur so an den Staufahrzeugen vorbei, die mir in Sehnsucht na schauen. Es regnet wieder und sehe Doppelregenbögen Kurz vor Sterzing fahre ich ins Tal auf einer alten Bahnlinie hinein, einige Signale stehen noch, und wieder hinaus. Immer wieder durch Radweg eigens gemachten Tunnels.

 

Vorbei an Franzfeste, mitunter an den Fahrzeugen vorbei, die suchend nach Alternativen zur Brenner Autobahn die gesamte Umgebung in zwei Richtungen verstopfen. Auch sie sehen mir sehnsüchtig hinterher.

 

Ich komme nach Brixen. Buche im Grauen Bären. Auf dem Zentralplatz üben Jugendliche akrobatische Stücke mit und ohne Fahrrad. Frage nach dem Hotel Grauer Bär und ein spätsportlicher Herr direkt vor einem Hauseingang antwortet, er sei der Graue Bär.

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Uploaded on September 9, 2020
Taken on September 6, 2020