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Wendeopfer # Meßgerätewerk W.

Als 1989 hunderttausende DDR-Bürger auf die Straßen der Republik gehen, um für mehr Freiheit und Rechte zu kämpfen, ist den wenigstens wohl bewusst, welche Lawine sie in diesen Nächten lostreten. Der Aufstand des Volkes bringt eine politisch unfähige Regierung zu Fall. Der sozialistische deutsche Teilstaat verabschiedet sich in die Geschichtsbücher und es liegt an der Regierung der BRD, dessen Erbe zu übernehmen. Auf allen Ebenen ist dies eine Mammutaufgabe, die Wirtschaftskraft der zweitgrößte Industrienation des Ostblockes gilt es in die Marktwirtschaft zu überführen. Es ist Aufgabe der Treuhand-Anstalt ca. 8000 DDR-Betriebe mit 32.000 Standorten zu privatisieren und nur notfalls zu schließen. Früh zeigt sich, die Treuhand ist nie daran interessiert die Betriebe zu erhalten, alles was zählt ist, sie wirtschaftlich konform "abzuwickeln" und den maximalen Provit daraus zu gewinnen. Großbetriebe werden planlos zerrissen, die Firmenwerte gewollt klein gerechnet und Schulden erhoben, welche die Unternehmen nie hatten. Nicht zuletzt die Währungsreform mit einem Umrechnungskurs von 1:1 machen die Überreste der DDR-Industrie bettelarm. Es sind zum Schluss die Aasgeier des Kapitalismus und die Konkurenz aus dem Westen, welche den Ost-Betrieben keine Chance auf dem Weltmarkt geben. Es sind damit meist nur wenige Jahre, die die privatisierten Unternehmen überleben können, die Fördergelder fließen hier lieber in die Straßen des Ostens und so sterben diese ehemalige Vorzeigebetriebe, mit hundertjähriger Tradition, einen qualvollen Tod, wenige Jahre nach der Wende. So auch das alte Meßgeräte-Werk in den Tiefen des Erzgebirges, nach der Privatierung stellt man hier an diesen Arbeitsplätzen noch weiter Barometer her, 1996 ist dann Schluss, die aufgebrummten Schulden waren zu hoch. Die letzten Arbeiterinnen verlassen damit ihren Arbeitsplatz, für immer. Die Aufgabe der Treuhand war groß, aber mit etwas mehr Feingefühl wäre sie lösbar gewesen, doch die Politik in Bonn/Berlin hat versagt, anstatt hier die Arbeitsplätze zu retten, vollziehte man einen Prozess der Deindustrialisierung in Ostdeutschland, welcher bis heute historisch einzigartig ist. Moralisch war die Wiedervereinigung ein Erfolg, wirtschaftlich ist sie auf allen Strecken gescheitert.

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Uploaded on May 18, 2015
Taken on September 11, 2014