ehem. Verwaltungsgebäude Webstuhlbau Schönherr Chemnitz
Als Louis Ferdinand Schönherr (1817-1911) seinen Produktionsstandort 1854 in der kurz zuvor liquidierten Sächsischen Maschinenbau Compagnie errichtet, (Compagnie = alter Ausdruck für eine Gemeinschaft von unternehmerischen Kompagnions, also eine Art Kumpane oder Gleichgesinnter, rechtlich aber weniger eng verflochten als Trusts, Kartelle oder Konzerne) erbaut er sein Unternehmen – ganz zu Anfang firmierend unter „Schönherr & Seidler“ - bereits damals auf sehr industriegeschichtsträchtigem Terrain. Bis etwa 1722 war an gleicher Stelle eine alte, seit 1690 bestehende Papiermühle nachweisbar und nach einer gewissen „Brachzeit“ (so etwas gibt es ja unter heutigen marktwirtschaftlichen Bedingungen ja auch wieder) entstand 1799 an selbiger Stelle die Baumwollspinnerei Wöhler & Lange (etwa zeitgleich mit der Harthauer Baumwollspinnerei an der Klaffenbacher Straße 45 – heute Pflegeheim), denn Napoleons Kontinentalsperre sorgte für u.a. auch für einen Boykott britischer Aus- und Einfuhren, so blieben auch die geschätzten englischen Tuche dem europäischen Inlandsmarkt fern, so daß die Nachfrage nach Alternativen entsprechend enorm gesteigert war. Doch ebenso steil, wie die Konjunktursträhne der sächsischen Baumwollspinnereien nach englischem Vorbild in die Höhe schoß, ging sie nach Aufhebung des Embargos auch wieder zu Boden (auch in Harthau) und bereits 1817 muß Wöhler (Lange war inzwischen 1803 verstorben) schon wieder das Handtuch werfen, so daß nunmehr die Gebrüder Ludovici (aus Chemnitz !) den stark angeschlagenen Industrie-Koloß bis zur Übernahme durch Carl Gottlieb Haubold in den 1820-er Jahren weiter führen. (unter ihm entstand das älteste heute noch erhaltene Gebäude 8a). Doch trotz Lohnkürzungen (die 1834 zu einem heftigen Streik führen) kann er die Staatskredite nicht zurückzahlen und er verkauft an die oben erwähnte Sächsische Maschinenbau Compagnie, in der sogar die 2.Lokomotive Sachsens, die Pegasus, (unter den Fittichen der Königlichen Gewerbeschule Chemnitz) entsteht und in der sich auch um 1840 Louis Schönherr nebst Bruder Wilhelm verdingt, beide aus Schlema kommend und in Chemnitz zunächst leitende Funktionen in Richard Hartmanns Webstuhlbau-Abteilung ausübend !! Dennoch geht Anfang der 1850-er Jahre auch diese Compagnie in Konkurs, die von Louis Benndorf gekauft und an Firmen weiter vermietet wird, so auch 1854 an den Webstuhlbau Schönherr & Seidler, der zwei Jahre später bereits 100 Arbeiter hat und den 1000. Webstuhl auf den Markt bringt !!
Damit war Deutschland unabhängig geworden von den (teuren !!) englischen Webstuhlimporten, so die Einschätzung einer firmeneigenen historischen Betrachtung. Kurz danach findet man Ernst Seidler im Dresdner Verzeichnis mit eigener Firma und Schönherr ist jetzt alleiniger Herr im Hause, der wenig später das ganze Areal von Benndorf für die Weiterentwicklung seiner Webstuhl-Fabrik abkauft. Der legendär gewordene Eisenbahnkrieg mit Hartmann war längst entbrannt, doch auf Grund o.g. Verdienste weiß der Webstuhlbau-König nicht nur die Stadt und deren Verwaltung, sondern auch die Gerichtsbarkeit auf seiner Seite. Den Maschinenarbeiterstreik von 1872 übersteht die Fabrik mit Schrammen und blauen Flecken, insgesamt noch glimpflich für den Unternehmer, da das Arbeitspersonal vorwiegend ländlicher Abstammung war und auf Grund der Lebensbedingungen nicht noch Lohnverluste hinnehmen konnte, so gab es hier wohl mit die meisten Streikbrecher. Dennoch verkauft Schönherr noch im selben Jahr, die Firma nennt sich nun Sächsische Webstuhlfabrik A.G. Vormals L.Schönherr. Er behält jedoch die Mehrheit der Aktienanteile und er „postiert“ seine Söhne Max und Paul in die Geschäftsleitung wie auch in den Aufsichtsrat. Selbst nach 1945 bleibt der „schönherrliche“ Geist im Hause erhalten, denn einer seiner Urenkel darf trotz VEB-Eingliederung wichtige Führungspositionen in der wieder steil aufsteigenden Firma übernehmen, denn man weiß nur zu gut - keiner kennt besser die Ecken und Kanten des Betriebes sowie deren günstigste Lösungsmöglichkeiten (und keiner versteht es besser, alte „NSW“-Kunden bei der Stange zu halten). Von jeher hatte man es in der Firma vermieden, großen Reichtum nach außen hin zur Schau zu stellen. Als Führungssitz diente noch lange das alte Hauptgebäude, 1900 ergänzt um den heute noch charakteristischen Uhrenturm als Wahrzeichen. Das oben im Hauptbild zu sehende neue Verwaltungsgebäude – innen im eleganten Art´ deco Stil - „gönnt“ man sich erst 1923, welches nicht nur die Geschäftsleitung sowie die Konstruktions- und Planungsabteilung, sondern auch Verkaufsbüros, Empfangsräume, Sitzungssäle und Archive in sich vereint und alle technischen "Schikanen" seiner Zeit zu bieten hat, bis hin zu einer hauseigenen Telefonanlage mit nahezu 100 Anschlüssen. Doch das Haus entwickelt sich nicht wie ursprünglich beabsichtigt als werbeträchtiges Vorzeigeobjekt, geschweige denn zu einem neuen bildgebenden Synonym für die Webstuhlfabrik. Zu sehr hat sich bereits die Verknüpfung von Uhrenturm mit Schönherr eingeprägt und zu sehr ist wohl auch die äußere Fassadengestaltung des Gebäudes schon wenige Jahre nach Fertigstellung bereits wieder aus der Mode gekommen. Obwohl dort stets rege Betriebsamkeit herrschte, blieb das Bauwerk vom äußeren Anblick her stets ein Außenseiter, ein Stiefkind – nicht mal ein Bild davon in „Schönherr Fabrik - Chronik eines Chemnitzer Industriestandortes“- dem alle anderen Fotografien entstammen. Entsprechend seiner eigentlichen Bedeutung habe ich hier versucht, es einmal so darzustellen, wie es ihm auch zukommt. Möge es in gute Hände kommen und einen guten Käufer finden, der eine gute Verwendung dafür hat …
PS.: Noch kurz zum Bild – ganz oben links eines der Reliefs an der Außenfront, einen Arbeiter am Webstuhl darstellend. Bild oben rechts – TEMACO bedeutete Textilmaschinen-Compagnie, eine 1933 gegründete Exportgesellschaft (lieferte in alle Kontinente), der neben Schönherr auch die Textilmasch-fabrik vorm. R. Hartmann (Spinnereimaschinenbau Altchemnitz), die Carl-Hamel-A.G. Siegmar Schönau sowie die Textilmasch.-fabrik Kettling & Braun in Crimmitschau angehörten. Bild unten Mitte: Logo mit den Initialen SWF = Schönherr Webstuhl Fabrik Bild links mitte: Der Jacquardt-Webstuhl war auch hier der absolute Renner jener Zeit. Mit einem Lochstreifen, allerdings aus Blech konnten die gewünschten Muster gleich in den Stoff eingewebt werden. Bild unten rechts: die neueste Doppelteppich-Webmaschine von 1979, auf die man in DDR-Zeiten besonders stolz war, denn die so produzierten Teppichwaren hatten deutlich verbesserte Gebrauchseigenschaften.
ehem. Verwaltungsgebäude Webstuhlbau Schönherr Chemnitz
Als Louis Ferdinand Schönherr (1817-1911) seinen Produktionsstandort 1854 in der kurz zuvor liquidierten Sächsischen Maschinenbau Compagnie errichtet, (Compagnie = alter Ausdruck für eine Gemeinschaft von unternehmerischen Kompagnions, also eine Art Kumpane oder Gleichgesinnter, rechtlich aber weniger eng verflochten als Trusts, Kartelle oder Konzerne) erbaut er sein Unternehmen – ganz zu Anfang firmierend unter „Schönherr & Seidler“ - bereits damals auf sehr industriegeschichtsträchtigem Terrain. Bis etwa 1722 war an gleicher Stelle eine alte, seit 1690 bestehende Papiermühle nachweisbar und nach einer gewissen „Brachzeit“ (so etwas gibt es ja unter heutigen marktwirtschaftlichen Bedingungen ja auch wieder) entstand 1799 an selbiger Stelle die Baumwollspinnerei Wöhler & Lange (etwa zeitgleich mit der Harthauer Baumwollspinnerei an der Klaffenbacher Straße 45 – heute Pflegeheim), denn Napoleons Kontinentalsperre sorgte für u.a. auch für einen Boykott britischer Aus- und Einfuhren, so blieben auch die geschätzten englischen Tuche dem europäischen Inlandsmarkt fern, so daß die Nachfrage nach Alternativen entsprechend enorm gesteigert war. Doch ebenso steil, wie die Konjunktursträhne der sächsischen Baumwollspinnereien nach englischem Vorbild in die Höhe schoß, ging sie nach Aufhebung des Embargos auch wieder zu Boden (auch in Harthau) und bereits 1817 muß Wöhler (Lange war inzwischen 1803 verstorben) schon wieder das Handtuch werfen, so daß nunmehr die Gebrüder Ludovici (aus Chemnitz !) den stark angeschlagenen Industrie-Koloß bis zur Übernahme durch Carl Gottlieb Haubold in den 1820-er Jahren weiter führen. (unter ihm entstand das älteste heute noch erhaltene Gebäude 8a). Doch trotz Lohnkürzungen (die 1834 zu einem heftigen Streik führen) kann er die Staatskredite nicht zurückzahlen und er verkauft an die oben erwähnte Sächsische Maschinenbau Compagnie, in der sogar die 2.Lokomotive Sachsens, die Pegasus, (unter den Fittichen der Königlichen Gewerbeschule Chemnitz) entsteht und in der sich auch um 1840 Louis Schönherr nebst Bruder Wilhelm verdingt, beide aus Schlema kommend und in Chemnitz zunächst leitende Funktionen in Richard Hartmanns Webstuhlbau-Abteilung ausübend !! Dennoch geht Anfang der 1850-er Jahre auch diese Compagnie in Konkurs, die von Louis Benndorf gekauft und an Firmen weiter vermietet wird, so auch 1854 an den Webstuhlbau Schönherr & Seidler, der zwei Jahre später bereits 100 Arbeiter hat und den 1000. Webstuhl auf den Markt bringt !!
Damit war Deutschland unabhängig geworden von den (teuren !!) englischen Webstuhlimporten, so die Einschätzung einer firmeneigenen historischen Betrachtung. Kurz danach findet man Ernst Seidler im Dresdner Verzeichnis mit eigener Firma und Schönherr ist jetzt alleiniger Herr im Hause, der wenig später das ganze Areal von Benndorf für die Weiterentwicklung seiner Webstuhl-Fabrik abkauft. Der legendär gewordene Eisenbahnkrieg mit Hartmann war längst entbrannt, doch auf Grund o.g. Verdienste weiß der Webstuhlbau-König nicht nur die Stadt und deren Verwaltung, sondern auch die Gerichtsbarkeit auf seiner Seite. Den Maschinenarbeiterstreik von 1872 übersteht die Fabrik mit Schrammen und blauen Flecken, insgesamt noch glimpflich für den Unternehmer, da das Arbeitspersonal vorwiegend ländlicher Abstammung war und auf Grund der Lebensbedingungen nicht noch Lohnverluste hinnehmen konnte, so gab es hier wohl mit die meisten Streikbrecher. Dennoch verkauft Schönherr noch im selben Jahr, die Firma nennt sich nun Sächsische Webstuhlfabrik A.G. Vormals L.Schönherr. Er behält jedoch die Mehrheit der Aktienanteile und er „postiert“ seine Söhne Max und Paul in die Geschäftsleitung wie auch in den Aufsichtsrat. Selbst nach 1945 bleibt der „schönherrliche“ Geist im Hause erhalten, denn einer seiner Urenkel darf trotz VEB-Eingliederung wichtige Führungspositionen in der wieder steil aufsteigenden Firma übernehmen, denn man weiß nur zu gut - keiner kennt besser die Ecken und Kanten des Betriebes sowie deren günstigste Lösungsmöglichkeiten (und keiner versteht es besser, alte „NSW“-Kunden bei der Stange zu halten). Von jeher hatte man es in der Firma vermieden, großen Reichtum nach außen hin zur Schau zu stellen. Als Führungssitz diente noch lange das alte Hauptgebäude, 1900 ergänzt um den heute noch charakteristischen Uhrenturm als Wahrzeichen. Das oben im Hauptbild zu sehende neue Verwaltungsgebäude – innen im eleganten Art´ deco Stil - „gönnt“ man sich erst 1923, welches nicht nur die Geschäftsleitung sowie die Konstruktions- und Planungsabteilung, sondern auch Verkaufsbüros, Empfangsräume, Sitzungssäle und Archive in sich vereint und alle technischen "Schikanen" seiner Zeit zu bieten hat, bis hin zu einer hauseigenen Telefonanlage mit nahezu 100 Anschlüssen. Doch das Haus entwickelt sich nicht wie ursprünglich beabsichtigt als werbeträchtiges Vorzeigeobjekt, geschweige denn zu einem neuen bildgebenden Synonym für die Webstuhlfabrik. Zu sehr hat sich bereits die Verknüpfung von Uhrenturm mit Schönherr eingeprägt und zu sehr ist wohl auch die äußere Fassadengestaltung des Gebäudes schon wenige Jahre nach Fertigstellung bereits wieder aus der Mode gekommen. Obwohl dort stets rege Betriebsamkeit herrschte, blieb das Bauwerk vom äußeren Anblick her stets ein Außenseiter, ein Stiefkind – nicht mal ein Bild davon in „Schönherr Fabrik - Chronik eines Chemnitzer Industriestandortes“- dem alle anderen Fotografien entstammen. Entsprechend seiner eigentlichen Bedeutung habe ich hier versucht, es einmal so darzustellen, wie es ihm auch zukommt. Möge es in gute Hände kommen und einen guten Käufer finden, der eine gute Verwendung dafür hat …
PS.: Noch kurz zum Bild – ganz oben links eines der Reliefs an der Außenfront, einen Arbeiter am Webstuhl darstellend. Bild oben rechts – TEMACO bedeutete Textilmaschinen-Compagnie, eine 1933 gegründete Exportgesellschaft (lieferte in alle Kontinente), der neben Schönherr auch die Textilmasch-fabrik vorm. R. Hartmann (Spinnereimaschinenbau Altchemnitz), die Carl-Hamel-A.G. Siegmar Schönau sowie die Textilmasch.-fabrik Kettling & Braun in Crimmitschau angehörten. Bild unten Mitte: Logo mit den Initialen SWF = Schönherr Webstuhl Fabrik Bild links mitte: Der Jacquardt-Webstuhl war auch hier der absolute Renner jener Zeit. Mit einem Lochstreifen, allerdings aus Blech konnten die gewünschten Muster gleich in den Stoff eingewebt werden. Bild unten rechts: die neueste Doppelteppich-Webmaschine von 1979, auf die man in DDR-Zeiten besonders stolz war, denn die so produzierten Teppichwaren hatten deutlich verbesserte Gebrauchseigenschaften.