Back to photostream

Ehem. Elisabeth-Krankenhaus Chemnitz, Weststraße 8

Wußtet Ihr, daß es in Chemnitz bis in die frühen Karl-Marx-Städter Jahre hinein ein Elisabeth-Krankenhaus gab? So manche Glücksmomente wie auch vergossene Tränen wird es wohl miterlebt haben, so manchen inneren Umbau hat es über sich ergehen lassen müssen. Die Stürme der Zeit hat es aber immer wieder glimpflich überstanden,wenngleich es auch heute einer völlig anderen Zweckbestimmung dient als einst in seinen Glanzzeiten ...Beim Recherchieren über ein eigentlich ganz anderes Thema hatte ich rein zufällig und ganz nebenbei die Bemerkung gelesen, daß sich die Frauen und Töchter bekannter und vorwiegend am Kaßberg ansässiger Unternehmer, Kaufleute, Anwälte u.a. Gutbetuchter gerne in dem kleinen, aber renommierten nahe gelegenen Hospital hätten behandeln lassen. Die Konzentration auf´s weibliche Geschlecht läßt die dort dominierende Fachrichtung rasch erahnen, doch wo um alles in der Welt soll sich am Kaßberg eine solche Einrichtung befunden haben, dem Namen nach vermutlich ein konfessionell geführtes Haus und das bis in die frühen DDR-Jahre hinein !! Niemand wußte was davon und knappe zwei Jahre dieses Rätsel vor mir her schiebend, hatte ich schon nicht mehr dran geglaubt, es je lösen zu können. Doch die „Story“, die mir eine hochbetagte Frau erzählte, wie sie zu ihrem Kind kam, (Ihr wißt natürlich, was ich damit nicht meine, denn das weiß ja jeder) brachte plötzlich Licht in das Dunkel. So kam ich unerwartet rasch zu des Rätsels Lösung und außerdem noch zu einer kleinen Geschichte dazu:

Es war kurz nach Kriegsende, Chemnitz ausgebombt und der Verkehr so gut wie lahm liegend, viele Straßen erst provisorisch enttrümmert. Als in den späten Abendstunden die Geburt loszugehen schien, holte man eine Hebamme, die aber gleich erkannte, daß dies eine Klinik-Entbindung werden mußte. So blieb dem Mann nichts anderes übrig, als die Kreißende mit einem Handwagen in die Frauenklinik zu fahren. Doch dort war schon alles überbelegt (die Kapazitäten waren damals weitaus geringer als heute, vielleicht auch noch nicht alle Räume nutzbar) und so habe man sie wieder nach Hause geschickt mit dem Hinweis, es sei noch nicht so weit - sie solle am nächsten Tag wieder kommen, falls sich bis dahin „das Problem nicht von selber erledigt“ haben sollte. Beim Gehen drückte eine junge Hilfsschwester, die wohl mitbekommen hatte, wie es wirklich aussah, dem Mann eine Adresse in die Hand, wo er es nicht so weit bis wieder nach Hause hatte und wo geholfen wurde – Elisabeth Krankenhaus, Weststraße 8. Obwohl dort auch mit den Wellen kämpfend, nahm man die Frau auf und da inzwischen Geburtstillstand und verschlechterte kindliche Herztöne hinzu gekommen waren, unterzog man die Frau einer Notoperation, nicht ohne den Mann vorher aufzuklären, daß die Situation ausgesprochen ernst sei und man froh sein müsse, wenn überhaupt jemand von beiden durchkäme. Doch wie sich zeigen sollte, war das aufopfernde Ringen des Arztes, der Hebamme und der Pflegerin von Erfolg gekrönt und vielleicht hatte ja auch die gute alte heilige Elisabeth die Hand ein wenig mit über Mutter und Kind gehalten, jedenfalls waren sie nach dem Eingriff noch am Leben – beide !! - und konnten bald wieder nach Hause (und leben heute noch). „Daß mein Kleiner und sogar ich am Leben blieben, das war mein schönster Tag“, faßte sie mit zittriger Stimme zusammen. Ja, man braucht manchmal wirklich nicht viel, um glücklich zu sein, man müßte vielleicht manches nur etwas mehr zu schätzen wissen ...

Die besagte Klinik war vor dem Krieg ein Ärztehaus mit Belegbettenstation, untergebracht in einer alten Villa, deren ursprünglicher Besitzer von den weltwirtschaftskriseligen Zeiten heimgesucht worden sein dürfte. Das leer gewordene Gebäude wurde vom Dresdner Joseph-Stift übernommen und als Ärztehaus weiter geführt, so daß es in alten Vorkriegs-Stadtplänen nicht als Krankenhaus auftaucht. Fünf Ärzte führten einst diese Einrichtung (heute würde man das vielleicht als Praxisgemeinschaft oder Tagesklinik bezeichnen) und es waren unter ihnen auch andere Fachrichtungen vertreten, HNO z.B. und auch ein ambulanter Krankenpflegedienst – die Grauen Schwestern -. Schon damals wurden dort chirurgische Eingriffe durchgeführt in einem separat angebauten Gebäude, welches mit einem Durchgang zum Haupthaus verbunden war. Rückseitig befand sich noch ein Gartengelände, wo die Pat. spazieren gehen konnten. Entstehung und Historie sind sehr stark mit dem Werdegang des Bethanienheims an der Zeisigwaldstraße vergleichbar. Die Stadt und der Staat zeigten sich nach dem Krieg bei der „Bemittelung“ der Elisabeth-Stiftung für die damalige Zeit und für eine konfessionelle Einrichtung - relativ – großzügig, hatte man doch, wenn auch stillschweigend, erkannt, daß man die immensen medizinischen Versorgungsaufgaben so schnell nicht würde aus eigener Kraft lösen können. Nach und nach wurde, so gut es ging, der Ausbau als Krankenhaus vollzogen und es existierte als solches noch bis mindestens 1973 (da es auf einem Stadtplan verzeichnet ist, wo schon verschiedene Salvador-Allende-Benennungen drauf sind, die erst nach dem Militärputsch erfolgten). Die anfangs etwas restriktive Haltung der Frauenklinik Flemmingstraße (vermutlich aus Prestige-Gründen) liberalisierte sich später ein wenig, aber dennoch tat man sich immer schwer damit, bei Überlastungen Pat. den beiden anderen Geburtshäusern zuzuweisen, obwohl es ja umgedreht im Notfall ja auch gang und gäbe war. Sehr zum Verdruß der Verwaltung wurde, wenn das Baby es dennoch nicht schaffte, dies der Statistik der städtischen Entbindungs-Einrichtung zugerechnet, wodurch sich deren (zumindest eine zeitlang) höchste Säuglingssterblichkeit erklären dürfte.

Doch zurück zum Elisabeth-Haus. Geschlossen wurde es wohl, als das staatliche Gesundheitswesen

genügend weit ausgebaut war, um die Versorgung allein zu schultern. Das Gebäude blieb glücklicherweise erhalten mit nur wenigen (äußeren) baulichen Veränderungen. Heute kann man sich darin mit syrischen Gaumenfreuden verwöhnen lassen (wie man auf Mike´s entdeckter Schautafel lesen kann), aber auch Führungen in die unterirdischen Kaßberger Gewölbegänge planen oder sich von Rechtskundlern juristisch beraten lassen.

 

29,840 views
2 faves
8 comments
Uploaded on November 12, 2010
Taken on October 31, 2010