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Der alte Neulehrer und seine Theodor-Neubauer-Schule

Zur Zeit bin ich, wie Ihr sicher auch, beim Päckchen packen für Weihnachten. Zerbrechliches kann man mit Holzwolle oder notfalls Ostergras bzw. auch mit dieser Blasenfolie abpolstern, aber wir nehmen dazu wie in früheren Jahren Zeitungspapier, immer ein Stück abreißen, zusammenknüllen und dann vorsichtig reinstopfen. Hin und wieder schweift mein Blick dann doch mal in diese oder jene Zeitung, manches der großgedruckten Wörter „diffundierte“ dabei sogar bis in mein Oberbewußtsein. Unter anderem hatte ich diesmal eine Seite mit Todesanzeigen in der Hand. Ein Vorname blieb mir dabei im Gedächtnis, nämlich Friedemann. So ein komischer Name, dachte ich so bei mir, das auch noch als Vorname ? Doch beim Packen merke ich, daß ich immer wieder an den Name denken muß, irgendwie kommt er mir bekannt vor. Ja, wie das so ist, als das Paket fix und fertig verschnürt ist, komme ich plötzlich zu der Überzeugung, den Namen zu kennen und habe sogar einen konkreten Verdacht. Als endlich alles schläft, mache ich heimlich das Päckchen nochmal auf und finde auch bald das Zeitungsschnipsel. Friedemann Langer, lese ich da, - verstorben - nach einem arbeitsreichen Leben - 85 Jahre alt - im Kreise seiner Familie in Stollberg.

Und nun weiß ich, daß meine Vermutung (leider!) stimmte. Er war aus Stollberg, auch das Alter paßt. Nur er und kein anderer kann es gewesen sein – mein Mathelehrer - der Herr Langer - der Friedemann – von der Theodor-Neubauer-

Schule - und schon ist da auch dieses berüchtigte leicht schaurige Gänsehautgefühl im Rücken, was Ihr sicher alle kennt. Daß sein amtlicher Vorname zugleich sein Spitzname war, hatte bestimmt nichts mit Respektlosigkeit zu tun, sondern war eher auf die Kuriosität dieses Namens zurück zu führen. An diese Schule mußte ich wechseln, da bei meinen Berufswunsch eine sog. Erweiterte Schule (EOS) vorgeschrieben war,

nur entfernt vergleichbar mit dem heutigen Gymnasium, auch blieb man nur 4 Jahre dort. Mein erster Eindruck vom Herrn Langer war, daß er wohl sehr streng sein müsse, der nicht allzu große, aber stark beleibte (vom Typ her fast wie ein Wildecker Herzbube) mit kurzgeschnittenem grauen Haar und Nickelbrille, die immer etwas allzu weit vorn auf seiner Nase saß. Doch schon nach den ersten paar Stunden war die Ausstrahlung seiner ausgesprochenen Freundlichkeit und Wärme nicht mehr zu übersehen. Eine Lehrer-Schüler-Distanz schien es bei ihm nicht zu geben, er wirkte eher wie eine Art väterlicher Freund. Dabei war er durchaus schrullig und kauzig, so schwor er z.B. auf Dauerlauf als Gesundheitssport. So manchem EOS-ler klappte die Kinnlade herunter, wenn er beim schulsportlichen Runden rennen plötzlich vom strahlenden Friedemann überholt wurde, der von seinem körperlichen Habitus eher an jene erinnerte, die man nur außer Atem und laut schnaufend bei jeder Treppenstufe kennt. Manche nannten ihn spleenig,

aber er hatte eben unter anderem den Spleen, nie krank und immer da zu sein, wo gerade jemand gebraucht wurde. Er sprang beim Sportfest als Startschußgeber ebenso ein wie er beim Schnee-schippen half, wenn die dafür eingeteilten es nicht allein schafften. Viele lachten heimlich über ihn, doch allzu oft waren sie froh, wenn er unter die Arme griff. Seine größte Tugend aber war sein ganz besonderes pädagogisches Geschick, auch mathematisch nicht so Begnadeten die Grundzüge der Algebra so nahe zu bringen, daß sie wenigstens ein bißchen „Blut leckten“ und mit dem Erlernten im Leben was anfangen konnten. Auch ich kann ohne Übertreibung sagen, daß ich

mein klitzekleines bißchen rudimentäres Gefühl für Zahlen dem Friedemann zu verdanken habe.

Erklären konnte er das abstrakteste Zeugs ganz einfach und anschaulich – wie kein zweiter – wirklich! Dabei verwendete er gerne die kuriosesten Eselsbrücken, denn er meinte, eine Eselsbrücke würde sich umso besser einprägen, je idiotischer sie ist. Recht hatte er !!!

Dabei war allgemein bekannt: Friedemann hat nie ein richtiges Lehrerstudium absolviert. Er hat uns das selber mal erzählt. Nach dem Krieg war das Bildungswesen nahezu komplett tot. Von den Lehrern waren viele kriegsbedingt nicht mehr am Leben oder in Kriegsgefangenschaft oder auf Grund zu starker nationalsozialistischer Gesinnung nicht mehr tragbar oder wollten nicht im sog. Ostblock lehren, gingen lieber nach dem Westen. So wurden in einer Art Notkursen von nur wenigen Wochen (in denen man aber nur lernte, wie man nicht gleich untergeht)

eine ganz besondere Spezies von Lehrern herangebildet, die „Neulehrer“ waren geboren. Sie stiegen auf aus dem Nichts heraus wie Phönix aus der Asche und sie waren bald allgemein bekannt als besonders fähige und einfühlungsfähige Lehrkräfte, die sich in ihre Schüler nur allzu gut hinein versetzen konnten, da sie ja im Prinzip selber noch welche waren. Ihr wichtigster Lehrmeister war die Praxis, unter der sie es aber zu einer ganz besonderen pädagogischen Meisterschaft brachten. Ja, arbeitsreich war sein Leben, das kann man ohne Übertreibung sagen. Er lebte eben für seine Schüler und seine Schule, die heute so verlassen und verfallen vor sich hin bröckelt, wobei sich eben jenes Kloßgefühl im Halse einstellt, wenn man so was sieht und die alte Erinnerung dazu hat. Es ist fast, als ob er mit ihr gestorben wäre. Neben seiner regulären Lehrertätigkeit war er außerdem noch Fachberater (es heißt wohl auch heute noch so, oder?) und hatte auch noch allerlei andere (alles ehrenamtliche) Ämter oder wie man es nennen will. Seine Familie lag ihm sehr am Herzen, aber auf seinem Terminkalender dürfte sie oftmals recht kurz gekommen sein.

Denn einen Sprachfehler hatte er auch, er konnte nämlich nicht NEIN sagen. Nur wenn ihm etwas ganz und gar gegen den Strich ging, kam ihm dieses kleine Wörtchen über die Lippen, dann aber ziemlich entschieden. Ja – und nun ist er nicht mehr – unser Friedemann. Ihr könnt mir jetzt entgegen halten, daß ich ja all die Jahre ohne ihn ausgekommen bin, aber ich empfinde das trotzdem als einen traurigen Verlust. Das ist , wie wenn du etwas wertvolles in einer Schatulle hast und sie gut versteckt in deinem Keller aufbewahrst. Du weißt, du hast es dort und bist zufrieden. Wenn aber jemand einbricht und es dir stiehlt, dann guckst du es auch nicht an, so wie vorher. Weil das aber jetzt gar nicht mehr geht, bist du unglücklich. So glorreich die Neulehrer einst auf der Bildfläche erschienen waren, so sang- und klanglos und still und leise sind sie wieder von ihr verschwunden, von kaum jemandem bemerkt. Der rechnerisch denkbare jüngste Neulehrer müßte jetzt kurz vor der 80 stehen, ist also längst a.D. … Man wird das dumme Gefühl nicht los, daß sie alle im Strom des Vergessens dahintreiben und das haben sie nicht verdient. Denkt ruhig mal in der Weihachtszeit an sie, wenn Ihr bei Kerzenschein, Räucherduft und Glühwein in Euren Erinnerungen schwelgt. Vielleicht kanntet Ihr ja auch so einen?

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Uploaded on December 16, 2009
Taken on January 25, 2007